Von Dietrich Strothmann

Es gibt auch die anderen unter den Verteidigern. Es sind meist die Jüngeren. Sie müssen an die Kinder in Maidanek denken, die vergast und verbrannt wurden. Sie müssen daran denken, wenn sie, am Abend nach einem Prozeßtag, ihre eigenen Kinder sehen. Sie zweifeln nicht daran, daß es in dem Vernichtungslager nahe Lublin Gaskammern, Verbrennungsöfen und Leichengruben gab, daß dort auf bestialische Weise tausendfach gemordet wurde. Sie sind, auch wenn sie es nicht laut zugeben, von der Schuld der meisten unter den 13 Angeklagten, darunter vier Frauen, überzeugt. Und sie stimmen nicht mit allen Ablehnungsanträgen ihrer Kollegen überein. Sie wehren sich gegen den Verdacht stillschweigender Solidarität: "Wenn wir solchen Anträgen nicht zustimmen, dann heißt das soviel wie, daß wir sie nicht billigen." Doch wem unter den Zuhörern im Schwurgerichtssaal III des Düsseldorfer Landgerichts fallen solche feinen Unterschiede schon auf?

Seit nunmehr 28 Monaten, in bisher 250 Verhandlungstagen, wird "gegen Hackmann und andere" verhandelt, gegen Beteiligte am Mord von mindestens 250 000 Menschen, vor allem Juden, darunter unzähligen Frauen und Kindern, die nach der Niederschlagung des Warschauer Getto-Aufstandes vom April 1943 zur Ausrottung nach Maidanek geschafft worden waren.

Zeugen erinnern sich: Die Kinder wurden sofort von den Müttern getrennt. Sie kamen in Sonderbaracken, mußten zu dritt auf einer Pritsche liegen. Eines Tages wurden sie wie Mehlsäcke auf Lastwagen geworfen. Die Mütter sahen es, schrien, warfen sich zu Boden. Sie wurden von den Aufseherinnen geschlagen, getreten, Unter den Kindern, die zur Gaskammer gefahren wurden, waren viele, die kaum zwei Jahre alt waren. Eines hatte noch sein Ärmchen herausgestreckt. Da wurde die Ladeklappe zugeschlagen. Der Arm war eingeklemmt. Das Kind schrie vor Schmerz. Die Aufseherin befahl trotzdem abzufahren. Das Kind hörte nicht auf zu schreien. Zu den Aufseherinnen, die damals dabei waren, gehörten die beiden Angeklagten Hermine Ryan-Braunsteiner, "Stute" genannt (weil sie soviel trat), und Hildegard Lächert, die "blutige Brygida" (weil sie soviel schlug).

Einer der beiden Anwälte der Angeklagten Ryan ist Hanns Mundorf. Als das Gericht Ende März nach Israel flog, um dort Zeugen zu vernehmen, war der Verteidiger Mundorf nicht dabei. Die Israelis hatten ihm das Visum verweigert. An einem der Prozeßtage, als über das Verbrennen von Leichen in Maidanek verhandelt wurde, hatte der Kölner Anwalt einen Antrag gestellt, einen von vielen: Das Gericht sollte sich Gutachten über Gerüche von einem Human- und einem Veterinärmediziner anfertigen lassen. Denn schließlich, so Mundorf, woran könne festgestellt werden, daß tatsächlich Menschen verbrannt wurden und nicht Tiere?

Es gibt über Maidanek Aussagen von Überlebenden, wonach Opfer sogar bei lebendigem Leibe ins Feuer geworfen wurden. Es gibt Aussagen von ehemaligen Angehörigen des Lagerpersonals, die sich an den Gestank und den "gelben Nebel" erinnern, die an den Tagen der Massenexekution über Maidanek lagen.

Es gibt freilich auch Verteidiger, die das alles noch immer in Frage stellen: Wahrscheinlich seien die Gaskammern nachträglich, von den Sowjets, eingebaut worden. Vermutlich seien sie, wenn es sie doch gegeben habe, lediglich zur Desinfizierung von Kleidung benutzt worden. Und die Verbrennungen von Abertausenden von Leichen – woher soll denn wohl das dazu benötigte Brennmaterial gekommen sein? Solche Ansichten von Organen der bundesdeutschen Rechtspflege decken sich völlig mit "Erklärungen" der rechtsradikalen Propaganda, die von Carmen Schweinen" auf der Düsseldorfer Anklagebank spricht: Die Photos von den auf Rosten getürmten Leichenbergen stammten aus der Zeit nach den alliierten Bombenangriffen auf Dresden.