Von Rolf Michaelis

Mit Winterreisen haben’s jetzt viele. Nach Klaus Michael Grübers – "Winterreise" genannten – szenischen Visionen über Hölderlins "Hyperion" Anfang Dezember 1977 im Berliner Olympiastadion schrieb auch der von einem mehrmonatigen Ausflug nach Amerika in die Bundesrepublik heimkehrende Schriftsteller Hans Christoph Buch über seinen "Spiegel" Bericht: "Deutschland, eine Winterreise". Jetzt, im beginnenden Frühling, lädt der 1931 in Graz geborene Erzähler und Dramatiker Gerhard Roth ebenfalls ein zu einer "Winterreise".

Und da wird es wirklich Winter. Nicht, weil die Hauptfigur auf der letzten Seite des Buches im winterlich unwirtlichen Flughafen von Venedig "ein Ticket nach Fairbanks, Alaska kauft, sondern weil schon auf den 191 Seiten zuvor, obwohl die Fahrt in den sonnigen Süden ging, ein Aufbruch ins "Ewige Eis" stattgefunden hat.

Das kühle, knappe Protokoll einer Lebensverstörung, dem der ehemalige Medizinstudent und Organisationsleiter eines Rechenzentrums Gerhard Roth absichtsvoll die Gattungsbezeichnung "Roman" oder "Erzählung" vorenthält, berichtet vom Fall eines Menschen, dem die alltäglichen Vorstellungen von menschlichem Miteinander entgleiten, in immer fernere Zonen seelischer Kälte: "Er hatte das Gefühl, als sei er aus der Erde gefallen", heißt es über die Hauptfigur im neuen Buch von –

Gerhard Roth: "Winterreise"; S. Fischer Verlag, Frankfurt, 1978; 192 S., 20,– DM.

Am"letzten Tag des Jahres" bricht der Lehrer Nagl aus einem Nest in der österreichischen Provinz auf zur letzten Reise. "Es schien Nagl, als sei es das Normalste, sich selbst aufzugeben" – mit diesem Satz beginnt Roths befremdliches, mit symbolischen Requisiten oft überladenes, durch ein Zuviel an platter Erklärung die Erzählung immer wieder zerstörendes – und doch: faszinierendes Buch.

Weshalb faszinierend? Weil sich Nagl (und Roth) auf den Versuch einer Selbstanalyse einlassen. Da steht am Anfang nicht und nicht am Ende fest (wie in so vielen anderen, sogenannten "guten" Büchern), was dabei herauskommt, wenn jemand sich selber befragt und mit seinem in Räusche von Alkohol, Liebe, Müdigkeit, Sehnsucht gejagten Körper experimentiert.