Von Willy Hochkeppel

Was jetzt an Erinnerungen, ungeschminkten Reflexionen, verwunderlichen Adaptionen im Fall Heidegger – von der be

begonnenen 70- oder 80-bändigen Gesamtaustritt, seiner Werke gar nicht in reden – zutage tritt, ist wohl mehr als bloße Präludien Vermutlich haben wir es mit tun, Präludien zu einer Auseinandersetzung zu tun, die dank der wachsenden historischen Distanz erstmals dem Phänomen Heidegger gerecht zu werden verspricht. Denn fertig geworden sind sie anscheinend alle noch nicht mit ihm: die unbeirrbaren Bewunderer und Jünger schon gar nicht, aber auch nicht die Feinde und Hasser, die sich entweder durch Verdrängen und Wegsehen allen Anfechtungen entzogen oder sich vergebens an dem Meßkirchener Denker abgearbeitet haben.

Die Rätsel, die dieser Mann nach wie vor aufgibt, liegen ebensosehr in seinem rücksichtslosen, eigenbrötlerischen Denken wie in einen Person, um die er so zäh und zielbewußt einen Mythos wob. Das Vermessene solcher Selbststilisierung ist vielleicht ein sehr deutsches Phänomen, das, in Grenzen, bei Stefan George, gren-Hitler aber in Wagner, Nietzsche, schließlich Hitler Gestalt wurde; es hat die Welt stets fasziniert und entsetzt zugleich.

In diesem Dunstkreis jedenfalls erblickt man Heidegger, wenn man die Notizen durchblättert, die sich Karl Jaspers über ihn gemacht hat. Diese Notizen, kritischen Versuche, Briefentwürfe, die Hans Saner jetzt zusammengestellt und herausgegeben hat –

Karl Jaspers: "Notizen zu Martin Heidegger"; Piper Verlag, München, 1978; 288 S., 39,80 DM

– zeugen eindringlich von den schweren Stunden, die jener Seinsdenker dem Existenzphilosophen Jaspers bereitet hat. "Mit Heidegger, meinem schlimmsten Gegner unter den Zeitgenossen, verbindet mich, daß ich zu spüren meine, er wisse auf eine Weise, wenn vielleicht auch auf eine verkehrte Weise, was Philosophie sei..." "Keiner der anderen Lebenden kann mich interessieren..." "Unter den Zeitgenossen der erregendste Denker – durch nichts." Solch widersprüchliche Sentenzen bestimmen den Duktus der peinigenden Gedanken, die sich Jaspers über den einstigen Freund von 1928 bis 1964 machen mußte und die er als Materialien zu einer projektierten umfassenden Heidegger-Kritik notierte.