Die Entscheidung über den Nachfolger des Präsidenten beim Bundesfinanzhof, Professor Hugo von Wallis, ist gefallen. Von Wallis tritt Ende April in den Ruhestand. Sein Nachfolger wird der bisherige Vizepräsident des Finanzhofes, Professor Heinrich List, der zugleich Vorlesungen an der Universität Erlangen und der Verwaltungsakademie München hält.

Mit der Ernennung Lists durch Bundesjustizminister Jochen Vogel wären die Bedenken einer Reihe von Richtern und Anwälten gegen Tendenzen zerstreut, hohe Bonner Verwaltungsbeamte in höchste Richterposition rücken zu lassen, womit die Unabhängigkeit der Gerichtsbarkeit gefährdet könnte. Im konkreten Fall war der Leiter der Steuerabteilung im Bonner Finanzministerium Karl Koch im Gespräch.

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Ralf Dahrendorf, ehemaliger EG-Kommissar in Brüssel, heute Direktor der "London School of Economics and Political Science" hat sich in einem Brief an das in Bonn erscheinende "EG-Magazin" außerordentlich kritisch mit der derzeitige Europa-Politik auseinandergesetzt. Das Heft mit dem Brief wird Mitte April erscheinen.

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Dahrendorf hat vor allem Briten und Deutsche im Visier. Im Gegensatz zu seinem Bonner FDP-Parteifreund, Landwinschaftsminister Josef Ertl, nimmt Dahrendorf allerdings die von Bonn attackierte britische Fischerei-Politik in Schutz, in deren berechtigten Interessen er keinen Zweifel hat. Bemerkenswert ist außerdem, daß er die Wahl des britischen Standorts für die EG-Kernfusions-Forschung JET verteidigt. Das englische Culham sei der "anerkannt geeignetste Ort". Daß die Engländer in der europäischen Sache hart streiten, wertet Dahrendorf als ein positives Zeichen für das britische EG-Engagement, das er bei anderen EG-Mitgliedsländern vermißt.

An die Adresse der Bundesregierung gerichtet fragt Dahrendorf süffisant: "Wer hat denn wirtschaftspolitische Forderungen gestellt, die praktisch darauf hinauslaufen, daß andere Länder ihre Wirtschaftsordnung als Vorleistung umbauen, und zwar im Hinblick auf die eigenen Vorlieben?" Die Antwort liefert der einstige FDP-Senkrechtstarter in vollem Bewußtsein der Verärgerung bei seinen Landsleuten gleich mit: "Die Insistenz, der Bundesrepublik auf den Modellcharakter ihrer eigenen Ordnung (war) in den letzten Jahren das wesentliche Hindernis, für Fundamentalfortschritte in der Europäischen Gemeinschaft."

Wolfgang Hoffmann