Von Joachim Glaubitz

Der rasche politische Pendelschlag in China macht uns nach Jahren der Stagnation erneut zu Zeugen einer Wiederbelebung von Wissenschaft und Kultur.Auf ein Jahrzehnt programmatischer Achtung der Intelligenzija folgt nun die kulturelle Renaissance mit der obligaten Rehabilitierung der Opfer. Wieder einmal ist Leistung und nicht nur ideologische Rechtgläubigkeit der Maßstab, mit dem China die Brauchbarkeit seiner Intellektuellen mißt. Der Zweck, der diese Abkehr von der radikalmaoistischen Linie heiligt, heißt Modernisierung des Landes bis zum Ende dieses Jahrhunderts. Die Übernahme westlicher Technologie und die Probleme ihrer intensiven Adaption werden den Weg zu diesem Ziel markieren. Für ein besseres Verständnis dieses Prozesses und seiner innerchinesischen Erörterung kann eine Beschäftigung mit der Wissenschaftsgeschichte des Landes von Nutzen sein. Aus den Arbeiten des Engländers Joseph Needham, des besten Kenners der wisschaftlichen und technologischen Tradition Chinas, hat der Sinologe Tilman Spengler in ausgezeichneter Übersetzung eine kleine, aber repräsentative Auswahl vorgelegt:

Joseph Needham: "Wissenschaftlicher Universalismus. Über Bedeutung und Besonderheit der chinesischen Wissenschaft"; Herausgegeben, eingeleitet und übersetzt von Tilman Spengler; Suhrkamp Verlag, Frankfurt 1977; 412 S., 48,– DM.

Obwohlfast alle Beiträge dieses Bandes vor mehr als zehn Jahren entstanden sind, habe die dort aufgeworfenen Probleme nichts an Aktualität und Faszination eingebüßt: Warum entwickelte sich die moderne Wissenschaft nur in Europa und nicht auch in China, obwohl die chinesische Zivilisation bis zum 15. Jahrhundert n. Chr. das Wissen von der Natur für den Menschen mit weitaus größerem Erfolg als der Westen zu nutzen verstand? Warum bleibt China vom Zeitalter der Renaissance an immer weiter hinter dem in Wissenschaft und Technik schnell aufholenden Europa zurück?

Needham versucht, diese Fragen aus dem Vergleich der sozialen, ökonomischen und geistigen Strukturen Chinas und Europas heraus zu beantworten, beide aus ihren Entwicklungen zu begreifen. Entschieden wendet er sich gegen die bis heute noch nicht völlig überwundene Lehre von der Überlegenheit der Europäer und gegen andere auf mehr oder minder verstecktem Rassismus beruhende Erklärungsansätze. Er bietet plausible, wenn auch zum Teil hypothetische Antworten an.

In der durchgehend agrarischen Gesellschaft Chinas hatten Tierzucht und Seefahrt, die für den europäischen Raum typisch sind, nur marginale Bedeutung. Gerade sie aber begünstigten in Europa die Herausbildung exzessiver Kommando- und Gehorsamsstrukturen. Aktiver Hirte und Kapitän stehen dem Bauern gegenüber, der nach erfolgter Aussaat das Aufgehen der Saat passiv abwarten muß. Eine bekannte chinesische Parabel verspottet einen Mann, dem seine Pflanzen zu langsam wuchsen und der deswegen an ihnen zog. Needham folgert: "Die Anwendung von Gewalt indizierte daher stets einen Weg, den man nicht begehen sollte. Höfliche Überzeugung und nicht militärische Macht war daher die Maxime richtigen Handelns." Über das höchste Sozialprestige verfügten folglich jene, die geistige Macht hatten, die nicht Gewalt, sondern Argumente anwendeten. Nicht der Soldat oder Kaufmann, sondern der Gelehrte, der über Prüfungen in die Bürokratie aufgestiegen war, stand an der Spitze der sozialen Hierarchie.

Dazu ein zweiter Gedanke: Die ablehnende Einstellung gegenüber Gewalt hat ihren prägiantesten Ausdruck in dem chinesischen Begriff "wu wei" gefunden – nicht eingreifen, die Dinge sich selber und ihrer Natur überlassen. Dieses kluge Prinzip,das dem Umgang mit Mens:hen oder mit den Kräften der Natur ebenso wie der politischen Praxis zugrunde liegen konnte, zielte darauf ab, mit minimalem Einsatz optimale Wirkungen zu erreichen. Seine Anwendung setzte eine intensive wie einfühlsame Naturbeobachtung voraus und begünstigte die eindrucksvolle, frühe Entwicklung der Naturwissenschaften in China.