Von Hans Platschek

Woran schon kann sich ein Spekulierender derzeit halten, wenn nicht einmal mehr Verlaß ist auf sein Entsetzen? Vierzig Jahre sind vergangen, seit Bertolt Brecht meinte, die Impressionisten hätten zwar gegen die herrschende eine neue Sehweise aufgebracht, als alternde Leute jedoch Gelegenheit gehabt, eine wiederum neue Sehweise kennenzulernen, die nunmehr, ihrer Meinung nach, mit Kunst nichts mehr zu schaffen hätte: "Das Spiel wurde schließlich so bekannt, daß die dümmsten Spießer anfingen, in Malerei zu spekulieren, und nur solche Gemälde kauften, die ihnen nicht gefielen, weil sie ganz augenscheinlich Zukunft hatten." Die zwar satirische, bislang aber reinliche Scheidung in zukunftsträchtige Abscheulichkeiten und zukunftslose Augenweiden hat ihre Gültigkeit verloren.

Denn einmal stimmt die Binsenweisheit nicht mehr, derzufolge jede Abscheulichkeit unweigerlich die Kunst der Zukunft sei. Und mit der Pop Art oder dem Photorealismus ist, zum anderen, eine Kunst auf den Markt gekommen, die zwar dem dümmsten Spießer aus dem Herzen sprach, trotzdem aber für Kunst, ja für Zukunfstkunst gehalten wurde. Um diese Zukunft jedoch wie um die Zukunft der klassischen, der widerwärtigen Kunstwerke ist es schlecht bestellt. Auktionsberichte aus London, Paris oder New York geben Werteinbrüche wieder, die man nur als apokalyptisch bezeichnen kann. Was Brecht das "so bekannte Spiel" nannte, funktioniert, so scheint es, nur noch als schlechte Angewohnheit, und auch wenn ihn keiner kennt, raubt Loutherbourg als Symbolfigur nicht nur dem Spekulanten, sondern auch dem Idealisten den Schlaf, soweit, daß beide erst recht die Plastikwürfel mit den aufgehäuften Motorteilen, die Mathieu-Bilder oder die Riesenleinwände, auf denen ein Artikel aus dem Supermarkt zu sehen ist, in die Auktionshäuser schleppen lassen, den Slump also, den sie befürchten, hervorrufen und im übrigen Ivan Herstatt für einen vergleichsweise rechtschaffenen Mann halten.

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Wo der Kunstfreund aufhört und der Spekulant beginnt, ist eine nicht immer auf Anhieb zu beantwortende Frage.

Wer da meint, nur die Geldgier triebe jemanden zum Kunstkauf, hängt einem Vulgärmaterialismus nach, wer nur ans gute Herz des Käufers glaubt, einem Vulgäridealismus. Ein Beispiel gilt für viele. Was bewog den berühmten Sammler Pellerin dazu, vor dem ersten Weltkrieg seine sämtlichen Manets gegen Cézannes einzutauschen und zwar zu der damals geläufigen Quote von zehn Cézannes für einen Manet? Es steht außer Zweifel, daß Pellerin damit, ebenso wie der Schweizer Reber, der in den zwanziger Jahren eine ähnliche Transaktion mit Cézannes und Picassos abwickelte, ein einträgliches Geschäft abschloß. Doch ums Geld allein dürfte es Pellerin und Reber, wenn überhaupt, erst in zweiter Linie gegangen sein. Wollten sie womöglich recht behalten und Recht wem gegenüber?

Hier muß man etwas ausholen. Als Faustregel nämlich lehrt die Erfahrung, daß am Anfang eines Künstlerruhms meistens ein Skandalerfolg steht. Nicht nur die Impressionisten, auch die folgenden Richtungen hatten entweder von vornherein die öffentliche Meinung gegen sich, oder sie legten sich mit der öffentlichen Meinung an. Nur hat der ständig schwelende Streit, ob ausgerechnet Abscheulichkeiten Kunst sein sollten oder nicht, eine doppelseitige Folge gehabt. Brecht sagt in dem angeführten Text, nicht jede Kunstbewegung habe eine populäre, jede aber eine unpopuläre Phase. Die aber führte zu einer Wechselwirkung: Weil sich eine Mehrheit, unter der sich anfangs auch der so apostrophierte dümmste Spießer befand, gegen eine derartige Kunstbewegung stellt, nahm eine Minderheit gerade das zum Anlaß, Originalität, ausgefallenen Geschmack, Identitätszuwachs oder einfach Snobbery zu demonstrieren. Solange die Geringschätzung einer Kunst von Seiten der Mehrheit an der Tagesordnung war, mußte deren Hochschätzung, und zwar als Kunst, zwangsläufig den Geistesadel, auf jeden Fall die Selbstnobilitierung mit sich bringen. Und hatte diese Kunst nicht ganz augenscheinlich eine Zukunft? Für diese Minoritäten hat der amerikanische Soziologe Bruce Watson den Begriff "ästhetische Eliten? geprägt.