Von Dieter E. Zimmer

Es gibt, selten genug, Bücher, von denen man sogleich weiß: Ähnliches hat man noch nie gelesen, wird man auch nie mehr lesen. Sie sind in ihrem Anspruch so hoch, in ihrer Anlage so komplex, daß man, obwohl sie nicht unbedingt schwer zu lesen sind, doch nicht hoffen kann, sie jemals auch nur einigermaßen erschöpfend zu verstehen. Sie haben es in sich, dem Leser Schlüsselerfahrungen zu vermitteln: Wer Kafkas "Prozeß", Prousts "Recherche", Joyces "Ulysses" hinter sich hat, wird nicht mehr umhin können, die eigenen Erlebnisse in ihrem Licht zu sehen. Bestseller müssen sie nicht unbedingt sein; dafür aber werden sie auch in fünfzig oder hundert Jahren noch gelesen werden.

Der neue Roman von –

Gabriel García Márquez: "Der Herbst des Patriarchen" ("El otoño del patriarca", 1975), aus dem Spanischen von Curt Meyer-Clason; Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln, 1978; 335 S., 34,– DM

gehört zu diesen singulären Schöpfungen, die den Rezensenten bescheiden machen.

Der jetzt fünfzigjährige Kolumbianer Gabriel García Márquez (Gabriel ist der Vorname, Garcia der Nachname, Márquez der im Spanischen oft zugefügte Vatersname der Mutter), Verfasser unter anderem des in drei Millionen spanischsprachigen Exemplaren und in einundzwanzig Ubersetzungen verbreiteten Romans "Hundert Jahre Einsamkeit", hat fünfzehn Jahre lang darüber nachgedacht und sieben Jahre lang daran geschrieben – so lange wie Joyce am "Ulysses".

Am Anfang, sagte er seinem französischen Übersetzer, stand eine Vision: "Ich hatte in mir das Bild eines unglaublich alten Mannes, der durch die riesigen verlassenen Säle eines von Kühen und Vögeln bevölkerten Palastes wandert."