Wege zu dem Philosophen und Schriftsteller

Von François Bondy

Jean-Paul Sartre hat sein 1943 erschienenes philosophisches Hauptwerk "Das Sein und das Nichts", das um das einsame Ich und den feindlichen Blick der "anderen" kreist, scheinbar durch spätere Werke – namentlich durch die "Kritik der dialektischen Vernunft" – dementiert, überwunden und im bekannt mehrdeutigen Sinn "aufgehoben"; er bleibt für uns dennoch als Philosoph vor allem der Autor eben dieses Werkes. Sartre hat den Ehrgeiz des literarischen Ruhms besonders mit dem Blick auf seinen Roman "Der Ekel" in Frage gestellt: Er hat geurteilt, dieses Buch wiege nichts, verglichen mit dem Verhungern eines Kindes. Jetzt sagt er im Gespräch mit Michel Contat, "Der Ekel" sei seine beste literarische Leistung, eines der Werke, von denen er hoffe, sie würden auch von späteren Generationen gelesen werden.

Wir müssen Sartre mit seinen Widersprüchen sehen. Dazu helfen uns ein Buch mit teils geschriebenen, teils gesprochenen Äußerungen, die über das Leben und die Beziehung zu anderen Auskunft geben, ferner eine neue Einführung in Sartres Philosophie –

"Sartre über Sartre – Autobiographische Schriften", herausgegeben von Traugott König; rororo 4040, Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek, 1977; 248 S., 6,80 DM

Arthur C. Danto: "Jean-Paul Sartre", aus dem Englischen von Ulrich Enzensberger, in der Reihe: Moderne Theoretiker; dtv 1251, Deutscher Taschenbuch Verlag, München, 1977; 151 S., 6,80 DM.

Da jetzt in Traugott Königs Übersetzung Sartres "Flaubert" im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit steht, sei auf einen dieser Widersprüche hingewiesen. Früher hatte Sartre unterschieden zwischen dem "besiegten Flaubert den die Betrachtung seines Lebens zeige, und dem siegreichen Flaubert den wir als Autor von "Madame Bovary" kennen; erst im Band über diesen Roman werde der Sinn seiner Arbeit ganz deutlich werden. Jetzt sagt Sartre, im Gespräch mit Michel Contat, daß ihn der fehlende vierte Band, jener über "Madame Bovary", den er wegen seines Augenleidens nicht mehr schreiben werde, ohnehin am wenigsten interessiert habe: "Das Wesentliche ist getan." Wie jedoch aus einem durch Familie, Milieu, Zeit, Gesellschaft genau determinierten Bürger der unvergleichliche, unvorhersehbare Romancier werden konnte – diese "Kehre" bleibt rätselhaft. Es ist unmöglich, Sartres Meinung zu teilen, andere könnten auf Grund seiner Vorarbeit diesen Schluß ebensogut schreiben.