"Die Bauern im Brunnen" von Friedrich Karl Waechter; Diogenes Verlag, Zürich; 40 S., 16,80 DM.

Des Königs Bote wiegelt die Bauern zum Krieg gegen die Hopper auf. Als zwei der Veteranen vom Schlachtfeld heimkommen, ihre ganze Ernte verdorben finden und sich beim König beschweren wollen, läßt er einem wegen Majestätsbeleidigung die Zunge abschneiden. Da verstecken sich die beiden erschrockenen Männer im Brunnenloch, indem schon ein beinloser Hopper haust, und ernähren sich fortan zu dritt vom Betteln. Verkleidet gerät der König in die Gesellschaft der glücklosen hungrigen Krüppel. Durch List und Lügen versucht er, die lästigen Helden, denen ein so undankbarer Abschied zuteil wurde, abzuschütteln. Aber der Plan geht schlecht aus für seine Majestät. Waechters Geschichte endet mit der verblüffend einfachen Moral von Volksmärchen: der schuftige König bezahlt sein bisheriges Parasitenleben durch harte Arbeit. Und die drei Brunnenbauern lernen mit den Leuten im Land "für sich zu arbeiten und für sich zu leben".

Waechter erzählt die Parabel von drangsalierten Untertanen und von der Willkür der Mächtigen in ungedrechselter Märchendiktion. Seine Sprache ist aufs Wesentliche gemünzt, verzichtet auf poetisierendes Beiwerk und hat die Kraft eines Lehrstücks. Der Gefahr, daß die Fabel erdrückend und allzu schrecklich von Krieg und Frieden berichtet, setzt Waechter sarkastisch-komische Bilder entgegen und wählt für die Höflinge und die Geschundenen nicht Menschengesichter, sondern Tierfratzen, die in Kleidern stecken. Das nimmt seiner Geschichte nicht die Überzeugung, wohl aber den Horror. Die räuberisch schlaue Ratte trägt den Hermilin des boshaften ungerechten Herrschers. Der königliche Gesandte stolziert mit geschwollenem Kamm als Gockel durchs Land. Die höfischen Schranzen umschmeicheln in Gestalt von Krokodilen, Geiern und Füchsen den Herrscher an seiner königlichen Tafel.

Waechters jüngstes Bilderbuch ist ein Lehrstück gegen Gewalt, angemaßte Autorität und Willkür und eine Ermutigung für die Rechtlosen, die Schwachen, die sich als nützliche Idioten mißbrauchen lassen. Die akribisch aufgefaßten Federzeichnungen, zart koloriert und mit jenem Schuß Ironie versehen, durch den seine romantischen Zitate so reizvoll werden, nehmen mit Humor und Wehmut ausgerüstet unmißverständlich Partei für eine gerechte, friedfertige Welt, in der keiner im Brunnenloch hocken soll.

Ute Blaich