Von Klaus-Peter Schmid

Paris, im April

Raymond Barre wurde seinem Ruf gerecht. Gerade hatte Staatspräsident Valéry Giscard d’Estaing seinem alten Premierminister die Bildung der neuen Regierung anvertraut, da erklärte der Professor der Nationalökonomie, er werde auch künftig seine Politik mit "Konsequenz, Kontinuität, Entschlossenheit und jenseits aller Hektik" machen. Nüchterner, aber auch selbstbewußter hätte Barre, der in der kommenden Woche 54 Jahre alt wird, seine Konzeption nicht definieren können. Wer ihm. ein Amt anvertraut, hat ihn zu nehmen, wie er ist. Als "kantigen Geist in einem runden Körper" hat sich der etwas bullige Barre einmal selbst definiert. Keine Frage: Giscard nimmt die Ecken und Kanten in Kauf, weil sich dahinter einer der solidesten Politiker verbirgt, den Frankreich in den 20 Jahren der Fünften Republik gekannt hat.

Charisma oder die Begabung, sich vorteilhaft in der Öffentlichkeit zu verkaufen, gehen Barre völlig ab. Er ist ein mittelmäßiger Redner, neigt zur Besserwisserei, findet nur schwer den Kontakt zum einfachen Volk und verbirgt hinter gelassener Bonhomie nur schwer die Neigung zu cholerischen Donnerwettern. Doch er ist auch der verläßliche Mann, der sich fast nie dementieren muß, der keiner Diskussion aus dem Wege geht, der Intrigen meidet. Er ist nicht sonderlich populär, aber geachtet. Mit seinem Namen verbinden sich Begriffe wie Einschränkung, Nüchternheit, Mäßigung; er ist der Politiker mit, dem erhobenen Zeigefinger. Dennoch hat es Giscard vor allem ihm zu verdanken, daß der Ansturm der Linken bei den Wahlen abgeschlagen wurde.

Noch vor einem Jahr hieß es im Hotel Matignon, dem Amtssitz des Premierministers, die Frage nach der politischen Zukunft Barres sei überhaupt nicht aktuell. Das war keine Koketterie. Noch heute kann man sich ohne weiteres vorstellen, daß sich Barre auf seinen Universitätslehrstuhl zurückzieht, sollte er des Regierens müde sein. Erst spät im Wahlkampf ließ er sich zu einer Kandidatur in Lyon überreden (wo er mit großem Vorsprung gewählt wurde). Nach wie vor gehört er keiner Partei an und hat sich lediglich als Hospitant der neuen Zentrumsgruppe UDF in der Nationalversammlung angeschlossen. Doch alle, die ihn für ein politisches Leichtgewicht hielten, mußten, mittlerweile ihren Irrtum eingestehen. Barre steht nicht über den Parteien, ist aber auch nicht der Mann einer Partei. Genau das braucht Giscard, um seine Klientel nach links zu erweitern und nach rechts nicht zu verlieren.

Seit Wochen spricht das Elysée von einer neuen "Öffnung nach links". Daß die Oppositionsparteien nicht mit fliegenden Fahnen zur Regierung überlaufen würden, war abzusehen. Doch der Besuch ihrer Führer im Amtssitz des Präsidenten zeigt, daß sie möglicherweise bereit sind, an einigen grundsätzlichen Entscheidungen der nächsten Jahre mitzuwirken. Giscard predigt das "vernünftige Zusammenleben" von Regierung und Opposition; ein Scharfmacher im Matignon würde dem Präsidenten in den Rücken fallen. Barre hat auch im Wahlkampf Fairneß bewiesen. Die linke weiß, daß dieser Premier nicht bloß um des Effektes willen auf sie einschlägt. Die WiederBerufung Barres verhindert somit, daß Türen zugeschlagen werden, die sich gerade behutsam öffnen.

Für die Gaullisten dagegen ist der alte und neue Premier alles andere als ein Mann der Öffnung. Barre hat (etwa bei der Debatte um die europäischen Direktwahlen) gezeigt, daß er sich auch keinem Druck von rechts beugt, wenn er von seiner Sache überzeugt ist. Jacques Chirac, der Präsident der Gaullistenpartei, hat Barres Kampf gegen die Inflation mehrfach kritisiert und eine "neue Wirtschaftspolitik" gefordert. In Paris wurde denn auch spekuliert, ob Giscard nicht einen den Gaullisten genehmen Mann an die Spitze der Regierung stellen würde. Doch die Gaullisten scheinen nicht mehr der bedrohliche Block zu sein, der einmütig hinter Chirac steht. Chiracs Kandidat für das Amt des Parlamentspräsidenten wurde von einem Teil seiner eigenen Leute fallengelassen; das Rennen machte der Altgaullist Chaban-Delmas. Die Rückkehr Barres ist also auch ein Wink an den Koalitionspartner, daß die Zeichen weniger auf Ausgleich denn auf Abgrenzung stehen.