Liebenswürdige Monster, ganzschlichte, plausible Killer, die unserer Absolution immer sicher sein können: Die Krimi-Autorin Patricia Highsmith frönt einer höchst beiläufig servierten Unmoral, indem sie ihre Gelegenheitsmörder so verständlich, so nachvollziehbar in die Enge treibt, daß sie gar nicht anders können als zu killen. Und wir mit ihnen.

Große Gefühle, mit der notwendigen Künstlichkeit des Mediums Film dargeboten, Figuren, die zur Identifikation einladen, und eine Spannung, die nur aus optischen, sinnlichen Vorgängen entsteht: Hans W. Geissendörfer ist kein Regisseur der landesüblichen prätentiösen Kunstanstrengungen, er ist ein scharfer Beobachter, inszeniert sehr genau, hat alle denkbaren Filmgenres ausprobiert und macht populäres Kino in dem Sinn, daß ein großes Publikum mühelos den erzählten Vorgängen und ihrer dramaturgischen und ästhetischen Aufbereitung folgen kann.

Highsmith und Geissendörfer, das müßte funktionieren. Highsmith-Romane sind traditionell (Hitchcock, René Clément) und neuerdings (Claude Miller, Wim Wenders) Vorlagen für Kriminalfilme, die aber kaum Gemeinsamkeiten aufweisen. "Nach Motiven des gleichnamigen Romans von Patricia Highsmith", so schränkt auch Geissendörfer zwecklose Spekulationen gleich ein. Die Handlung der "Gläsernen Zelle" ist von New York nach Frankfurt verlegt, der Film beschränkt sich praktisch auf die zweite Hälfte des Buches. Dennoch: die typische Highsmith-Atmosphäre einer schrecklich konsequenten Verstörung mit tödlichem Ausgang, die beklemmende Ausweglosigkeit einer psychologischen Konstellation erfaßt Geissendörfer mit einer Dichte und Präzision wie kaum einer der Regisseure vor ihm.

Ein Architekt ist zu fünf Jahren Zuchthaus verurteilt worden, vielleicht schuldlos. Sein befreundeten Anwalt und seine Frau halten treu zu ihm, aber er kehrt in eine Welt zurück, der er nicht mehr traut, die ihm fremd und suspekt geworden ist. Er schliddert in eine Intrige und wird zum Mörder aus Eifersucht. Und wie immer bei Highsmith entgeht der Täter der Polizei.

Eine surrende, beunruhigende Musik, die Kamera tastet sich durch eine Gefängniszelle, ein Mann träumt von seinem Prozeß, damals. Mit wenigen Bildern und ein paar Dialogfetzen ist schon im Vorspann eine Geschichte erzählt, unangestrengt und fesselnd, die knappe Hälfte des Buches. Eine seltene Qualität: Ökonomie aller Mittel, ein äußerst konzentrierter Erzählduktus, knapp und geballt und immer filmisch aufgelöst. Geissendörfer (Ko-Autor: Klaus Bädekerl) rafft auch im folgenden sehr geschickt, seine szenisch-optischen Erfindungen zu komplexen Vorgängen des Romans sind ein Musterkatalog zum leidigen Thema Literaturverfilmung; er kommt mit wenig Dialog aus, er stellt die Kamera (Robby Müller), Farben und Licht, die Montage (Peter Przygodda) und die Musik, besser: den Soundtrack (Niels Walen) in den Dienst. einer wohltuend pragmatischen Ästhetik, eines unaufdringlichen poetischen Realismus.

Der entlassene Sträfling kehrt heim, ein bißchen ausgemergelt, noch eingeschüchtert und klamm in der sogenannten Freiheit. Die Wohnung ist heimelig, warmes goldenes Licht, Blumen. Seine Frau ist sehr lieb und verständnisvoll, sein kleiner Junge fremdelt noch etwas. Alles ist verheißungsvoll, ein neues Leben kann beginnen.

Aber etwas stimmt nicht, macht uns beklommen. Für einen Moment scheint der-Junge den Eindringling feindselig zu mustern, erscheint die Frau abweisend, kalt, böse. Ein flüchtiger Eindruck, aber das bleibt so: Augenblicke des Innehaltens, ein leises Unbehagen, Irritationen; Alltägliches wird zweideutig, Harmloses verdächtig und bedrohlich.