Wie leben Kinder in anderen Ländern, anderen Kulturen? Eine Frage, die man lange am liebsten mit Photobänden beantwortete, auf denen sauber gewaschene und vorzugsweise nicht allzu ärmliche, aber doch wenigstens folkloristisch zerlumpte Kinder zeigten, wie sie essen, schlafen, spielen und in die Schule gehen.

Diesen Büchern, die im Kind die Seelenruhe des späten Touristen vorbereiten, stehen immer mehr zur Seite, die die Fremde auch nicht zur exotischen Kulisse herabwürdigen, sondern nur das zu schildern versuchen, was ist. Hat Clive King im vorigen Jahr mit "Die Nacht, in der das Wasser kam" besser und eindringlicher als ein ganzes Entwicklungshilfeprogramm beschrieben, was beim Hilfs-Versuch der Weißen mit einem autonomen Stamm auf einer Südseeinsel geschieht, ist es nun das Leben der Kinder in Indonesien, das von zwei deutschen Autoren dargestellt wird, die beide lange genug im Land gelebt haben, um kein Idyll mehr liefern zu können –

Utta Wickert: "Im Jahr der Schlange"; Beltz Verlag, Weinheim/Basel; 120 S., 12,– DM.

Die Autorin beschreibt einen Jungen, Tizar, von der Geburt bis zum achtzehnten Jahr, und ihr Bericht ist eine sensible und lebhafte Mischung aus Fakten, Erzählungen, Lebensläufen, Sitten und Gewohnheiten, wobei sie so engagiert wie ökonomisch vorgeht. Sie läßt ihre Geschichte mit dem Kind wachsen, fügt in dem Maße ein Bild zum anderen, wie Tizar neue Erfahrungen und Bilder aufnimmt, erweitert den Erfahrungsraum des Lesers in dem Maße, in dem Tizars Wissen vom Leben zunimmt.

So entsteht vor den Augen der Leser ein Mensch, der nichts besitzt als eben dieses Leben, der kämpfen und stehlen und betrügen muß und dennoch – oder gerade deshalb,-– unter einer bewußteren und strengeren Moral aufwächst als andere Kinder. Der vor allem intensiver mit anderen lebt, seine Abhängigkeit von ihnen ebenso empfindet wie die Verpflichtung, etwas für sie zu tun, und die Chance, von ihnen seelische Stärke zu empfangen: vom Großvater, vom Lehrer, von wechselnden Freunden. Tizar überlebt und geht nicht vor die Hunde. Er wird Puppenspieler und versucht, Freunden und Nachbarn im Gewande der überlieferten Sagen zu erklären, wie dieses Leben in Armut und Ausbeutung geändert werden könnte. Ein Buch, das durch die Kombination von individuellem und urbanem oder nationalem Porträt den Lesern aufs Optimale begreiflich macht, was es heißt, so wie Tizar und seine Freunde zu leben.

Der Held einer anderen Geschichte könnte ein Bruder von Tizar sein –

Klaus Kardon: "Tadaki"; Cecilie Dressler Verlag, Hamburg; 101 S., 10,80 DM

auch er ein Bettelkind, auch er ein Kämpfer, wobei es dem Autor nicht so sehr um das allgemeine Bild geht als vielmehr um den moralischen Konflikt. Tadakis Bruder gehört einer Bande an, und Tadaki ist von seinem Geld und der Chance, so das Elend zu überwinden, zuerst geblendet. Er verliert dann aber den einzigen Freund und die Freundin, wie er meint, durch seine Schuld, und ein holländischer Arzt hilft ihm, zur richtigen Entscheidung zu kommen. Tadaki wird Krankenpfleger werden, um dann ganz praktisch helfen zu können. Auch dies ein Buch der unbequemen Wahrheiten, ruhig und fast freundlich geschrieben, aber ebenso wie das von Utta Wickert nicht so leicht aus dem Kopf zu bringen.