Wilhelm Hoegners Erinnerungen – auch eine Art Abrechnung

Von Brigitte Seebacher

Dieses Buch hat mich betroffen gemacht. Geschrieben 1936 im Schweizer Exil, doch auf Druck der Parteispitze nicht veröffentlicht, hat es mich einen Augenblick irre werden lassen an meiner Partei. Die Aufzeichnungen von

Wilhelm Hoegner: "Flucht vor Hitler"; Nymphenburger Verlagsanstalt 1977; 295 S., 26,–

rechnen ab mit der deutschen Sozialdemokratie und ihrer Politik unmittelbar vor und nach der Machtergreifung durch Hitler. Sie rechnen mit einer Partei ab, die den Aufstieg des Nationalsozialismus ohnmächtig abwartete und sich im Kampf um Mandate noch aufrieb, als Sozialdemokraten gefoltert und ermordert wurden.

Tatsächlich rechtfertigt die Partei auch heute ihren hohen moralischen Anspruch mit der Unbeugsamkeit gegenüber Hitler. In der sozialdemokratischen Geschichtsschreibung kommt der "Treue bis in den Untergang" (Hoegner) ein Wert zu, der sich rationaler Auseinandersetzung entzieht.

Im Stolz auf die Wels-Rede hat die SPD lange die Frage verdrängt, warum sie an einem Kreuzweg der Geschichte wieder einmal handlungsunfähig war. Die Auseinandersetzung mit den Ursachen ihrer Schicksalsergebenheit fand nicht statt. Angesichts erlittener Qualen und der Zustimmung von Bürgerlichen und Liberalen zum Ermächtigungsgesetz mag das verständlich und verzeihlich sein. Jedenfalls läßt sich die Wirkung des Hoegner-Buches und die Betroffenheit, die es auslöst, nur verstehen, wenn man jene Sentimentalität in Rechnung stellt, mit der die SPD ihre eigene Geschichte sieht. Hoegner, der dabeigewesen war, als Reichstagsabgeordneter, als bayerischer Landtagsabgeordneter, stellt Grundhaltungen deutscher Sozialdemokratie in Frage.