Von Gerd Bucerius

Erregt wegen des bevorstehenden Auftretens" notiert Thomas Mann am 2. Dezember 1934 in seinem Tagebuch. Er sollte am Nachmittag in der Gemeinde Küßnacht (8200 Einwohner) das Travemünder Kapitel aus den "Buddenbrooks" und die "Begegnung mit Rahel und Esau" aus den Jakobsgeschichten vorlesen.

– Zweimal habe ich Thomas Mann ganz aus der Nähe gesehen. Zum erstenmal in einem mittelgroßen, aber übervollen Hörsaal der Universität in Hamburg, etwa 1927. Die Regie war perfekt. Die heitere Unruhe im Saal legte sich, als da? Deckenlicht auf die halbe Stärke geschaltet wurde. Von rechts kam Thomas Mann, stockgerade, trat hinter den Tisch, verbeugte sich mit knappem Lächeln, setzte sich; das Deckenlicht erlosch. Die Tischlampe schien scharf in ein Gesicht, dessen Konzentration jede Bewegung im lautlosen Saal aufhören ließ, noch bevor er einen Satz gesprochen hatte. Nicht ein Routinier wird parlieren, ein Souverän sprechen. In Berlin einige Jahre später: Thomas Mann wird hereingeführt. Zum Begleiter freundliche Worte, dann grüßt TM in den Saal hinein, mit dem Lächeln der Generäle, wenn sie ins Offizierskasino treten. Die Zuhörer entspannen sich, dankbar für das ihnen gezeigte Wohlwollen; nach wenigen Worten aus dem "Tod in Venedig" vollkommene Ruhe. Das Gefühl, einem unerschütterlich Großen begegnet zu sein, hielt noch Tage nach der Lesung an.

Tagebuch vom 15. März 1933: "Heute Morgen bin ich, wie übrigens meistens am Morgen, frei von dem krankhaften Grauen, das mich seit zehn Tagen stundenweise, bei überreizten und ermüdeten Nerven beherrscht."

18. März: ""Nach dem Erwachen zunehmender Erregungs- und Verzagtheitszustand, krisenhaft, von 8 Uhr an unter K.’s Beistand. Schreckliche Excitation, Ratlosigkeit, Muskelzittern, fast Schüttelfrost u. Furcht, die vernünftige Besinnung zu verlieren. Unter dem Zuspruch K.’s, mit Hilfe von Luminaletten u. Kompresse langsame Beruhigung und Möglichkeit, Thee u. ein Ei zu nehmen. Cigarette".

5. Juni: "Gefühl erschütterter Gesundheit. Die Nerven schwach, der Leib nicht in Ordnung. Mir war, als sollte ich gerade zu meinem (58.) Geburtstage krank werden." Er wurde es nicht.

Unser Held ist in den ganzen zwei Jahren dieses Tagebuches nicht krank geworden. Aber selbst. Schokolade konnte ihn belästigen: "Moni’s Geburtstag wurde mit Chokolade gefeiert, nach der ich mich nicht gut fühlte" (7.6. 33). Wenn er gar zum Rasieren kein warmes Wasser hatte: "Morgens so nervös, verzweifelt und überreizt (im Anschluß an das Versagen der Warmwasserversorgung), daß ich K. um Verzeihung zu bitten hatte" (14.6.). Da hatte die Umgebung wohl einiges auszuhalten; aber er notiert nie eine Beschwerde. Dabei war er kerngesund und widerstandsfähig; sonst wäre Drogenmißbrauch unausweichlich gewesen. Er rauchte, aber nicht zu viel. Er trank (fast) nie harte Sachen, regelmäßig Wein, aber wenig. Tranquillizer gab es noch nicht; ein Schwacher wäre an Opiate geraten.