Von Hans C. Blumenberg

Alfred Hitchcock hat einmal gesagt, er könnte nie "Aschenbrödel" verfilmen, weil das Publikum sofort anfangen würde, nach der Leiche zu suchen: ein trauriger Satz, nicht nur ein koketter (obwohl Hitchcock gewiß nie Lust hatte, "Cinderella" zu inszenieren), denn er formuliert ein Spezialistentum, dem schwer zu entrinnen ist, das eine Art von Gefangenheit in Gewohnheiten und Erwartungen bedeutet.

Der große Hitchcock verfilmte 1951 den ersten Roman einer jungen amerikanischen Kriminalschriftstellerin namens Patricia Highsmith: "Strangers on a Train". Das Drehbuch schrieb Raymond Chandler. Ein paar Jahre später, 1955, ließ sich Miß Highsmith den "Talentierten Mr. Ripley" einfallen, einen ebenso kultivierten wie völlig amoralischen jungen Mann, der ihr in Frankreich den "Grand Prix de la Litterature Policière" einbrachte, und noch eine Verfilmung: "Nur die Sonne war Zeuge" von René Clement (in Amerika hatte dieser Film den schönen Titel "Purple Noon"), mit einem unbekannten Jüngling namens Alain Delon als Tom Ripley. Das Kino blieb der sehr talentierten Patricia Highsmith auch später gewogen. Allein in den letzten achtzehn Monaten entstanden drei Filme nach ihren Büchern: "Der amerikanische Freund" von Wim Wenders (eine Adaption von "Ripley’s Game"), "Der süße Wahn" des Franzosen Claude Miller und "Die gläserne Zelle" von Hans W. Geissendörfer (ab April in unseren Kinos).

Julian Symons, selber ein bedeutender "mystery writer" und zugleich der profundeste Chronist des Genres, nannte Patricia Highsmith "die wichtigste Kriminalschriftstellerin der Gegenwart": eine Empfehlung, aber keine Ermutigung, jener literarischen Gattung untreu zu werden, die sie um so aufregende Bücher wie "Venedig kann sehr kalt sein", "Der Stümper" und "Der Geschichtenerzähler" bereichert hat, auch wenn sie sich nie an die klassischen Regeln des "roman policier" hielt, auch wenn die labile Innenwelt ihrer Figuren stets wichtiger war als die aktionistische Außenwelt spektakulärer Verbrechen und eifriger Beamter. Sie sei "mehr als eine Kriminalschriftstellerin", lobte letztes Jahr der "stern": als sei dieses Kompliment etwas anderes als eine subtile Beleidigung für eine Ausdrucksform, die erst höherer Weihen bedarf, um kulturfähig zu werden.

Auch auf den jüngsten, sechzehnten Roman von Patricia Highsmith trifft zu, was Graham Greene über sie geschrieben hat: "Sie ist eine Schriftstellerin, die eine eigene Welt geschaffen hat, eine bedrückend geschlossene, irrationale Welt, die wir jedesmal mit einem Gefühl von persönlicher Bedrohung und fast widerstrebend betreten." Aber dieses Buch –

Patricia Highsmith: "Ediths Tagebuch", Roman, aus dem Amerikanischen von Anne Uhde. Diogenes Verlag, Zürich, 1978, 432 S., 26,80 DM

ist nun wirklich kein Kriminalroman mehr. (Dies ist eine Feststellung, keineswegs ein Qualitätskriterium, allenfalls eine Warnung für konservative Krimi-Leser.) Aber man liest "Ediths Tagebuch" mit dem Cinderella-Syndrom, man wartet bis zum Ende darauf, daß sich die kleinen Katastrophen des Alltags endlich zu einer kriminalistischen Intrige bündeln. Nichts dergleichen geschieht, obwohl es selbst in diesem Roman noch einen gewaltsamen Todesfall gibt, aber der geschieht so beiläufig und wird so rasch vertuscht, daß ihn Figuren wie Leser eigentlich nur als folgenloses Zwischenspiel wahrnehmen.