Von Rolf-Peter Henkel

Denen, die da mit dem Ruf "Dürrlein, wir holen dich" vor dem Hotel Graf Zeppelin am Stuttgarter Hauptbahnhof aufgezogen sind, zeigt sich dessen Kontrahent. Und wie schon zwei Wochen zuvor in Ludwigsburg geht es dem "Franz", wie die Metaller in Baden-Württemberg und anderswo den Bezirksleiter Steinkühler vertraulich zu nennen pflegen, nicht zuletzt darum, die demonstrierenden Kollegen vom Verhandlungsort hinwegzukomplementieren. Rüffel sind dabei nicht tabu. "Ich habe den Eindruck", ruft er durchs Megaphon, "einige von euch wollen verhindern, daß es hier weitergeht mit den Verhandlungen."

Selbst erst vierzig Jahre alt, kennt der "Franz" den Poker am grünen Tisch seit achtzehn Jahren. Und er scheint ihn, trotz aller Strapazen für Sitzfleisch und Nervenkostüm, auch zu genießen. Geschmack an Zwischenrufern, die meinen, ausgerechnet ihn zur Härte auffordern zu müssen, findet er dagegen weniger. Sein Lebensziel, menschlichere Bedingungen am Arbeitsplatz zu schaffen, kann er, wie er nur zu gut weiß, nur am Verhandlungstisch verwirklichen, nicht gegen die andere Seite, sondern mit ihr.

Anhänglichkeit an die Devise "Laß mich nur machen" ist nicht die einzige Gemeinsamkeit zwischen Steinkühler und seinem Widerpart Heinz Dürr. So sehr beide mit der Kraft und dem Selbstbewußtsein begabt sind, etwas als richtig Erkanntes durchzupauken, so massiv bläst beiden nicht selten der Wind aus dem eigenen Lager ins Gesicht. Nicht nur, wenn Steinkühler seinen demonstrierenden Kollegen den Vorsatz ausredet, "Dürrlein" persönlich einige Fragen und Forderungen ans Herz zu legen, sieht es so aus, als ob sich die beiden gelegentlich unter die Arme griffen.

Zumindest für Steinkühler bestünde dazu Grund genug. Gewiß weiß er, was er in Heinz Dürr hat: Einen Mann, der nicht nur ein außergewöhnlich tüchtiger, sondern außerdem ein sozialer und ein vorausschauender Unternehmer ist. Eigenschaften, die auch Steinkühler kennzeichnen: Leistungsmensch mit starkem Impuls zum Engagement und einer gründlichen Abneigung dagegen, der Entwicklung bloß immer nachzurennen anstatt sie zu lenken, bevor sie unerträglich wird. Beide, der Gewerkschafter und der Arbeitgeberführer, halten den in Stuttgart vereinbarten Lohnabsicherungsvertrag zum Schutz gegen die Auswirkungen der technischen Rationalisierung für die Konsequenz eben solchen Weitblicks.

Zustatten kommt ihnen dabei, daß sie kennen, wovon sie reden. Steinkühler, Polizistensohn aus Göppingen, war Werkzeugmacher, bevor er seinen Job als Refa-Zeitnehmer am Arbeitsplatz quittierte und 1961 zur Gewerkschaft ging, weil er es satt hatte, "die Kollegen zu bescheißen". Und Dürr, heute ein "schwäbischer Mittelstands-Multi" mit Weltruf auf dem Gebiet der Lackieranlagen, hat vor dem Maschinenbaustudium Stahlbauschlosser gelernt. Die Belegschaft in Dürrs Stammwerk in Stuttgart-Zuffenhausen weiß das. Wahrscheinlich gab es nicht viele Firmenschefs, die wie er in dem vom Arbeitskampf geprägten letzten Wochen nach draußen vor das Werkstor gingen, um mit den Streikposten in den Diskussionsring zu steigen. Nur ihm öffneten sie nachher eine Gasse. Anderntags mußte sein Personalchef in tiefgebückter Haltung unter verschränkten Arbeiterarmen hindurch zur Pforte.

Zum Credo des 44jährigen Dürr gehört, daß Unternehmer eine gesellschaftliche Stellung innehaben, die ihnen Verantwortung auferlegt. Für sich selbst zog er daraus die Folgerung, sich vor drei Jahren als Nachfolger von Hanns-Martin Schleyer zum Chef des baden-württembergischen Metallindustriellenverbands wählen zu lassen. 1976 baute er einen Tarifabschluß von 5,4 Prozent, der unter dem Namen "Ludwigsburger Kompromiß" ein bundesweites Signal setzte und bei etlichen seiner Unternehmerkollegen auf das größte Mißfallen stieß. Heute räumt Dürr offen ein, daß er Gegner im Verband hat. Sie sitzen sowohl in Köln bei Gesamtmetall als auch etwa im mächtigen Landesverband Nordrhein-Westfalen. An Rhein und Ruhr gibt es Arbeitgeber, die nicht übel Lust hätten, es der IG Metall einmal so richtig zu besorgen – "zu schwach und gar links" sind Etiketten, die manche von ihnen Dürr noch heute anhängen.