Von Gabriele Venzky

In weniger als neun Monaten soll Namibia, das ehemalige Deutsche Südwest-Afrika, unabhängig werden. Aber umstrittener denn je ist, unter welchen Umständen dies geschehen kann. Im Lande wächst die explosive Spannung. Nach der Ermordung des Hereroführers Clemens Kapuuo in der vergangenen Woche drohen Stammesrivalitäten, das Erzübel Afrikas, auch hier die Pläne der Politiker zu torpedieren.

Seit dem Wochenende liegt ein neuer Namibia-Plan der fünf westlichen Mitglieder des UN-Sicherheitsrats auf dem Tisch. Genauer: die modifizierte Fassung des Lösungsvorschlags, den Südafrika noch im Februar brüsk abgelehnt hatte.

Doch seitdem ist der Spielraum für die Regierung in Pretoria enger geworden. Die Westmächte werden Sanktionen des Sicherheitsrats nicht mehr durch ihr Veto blockieren, falls sich Vorster weiter uneinsichtig zeigt. Präsident Carter warnte am Monatag sogar vor "ernstzunehmenden Konsequenzen", wenn sich Südafrika weiter einer international akzeptablen Lösung widersetze. Darunter verstehen die Vereinigten Staaten wie die übrigen vier Westmächte allgemeine, von den Vereinten Nationen überwachte Wahlen unter Beteiligung der Südwestafrikanischen Volksorganisation Swapo und eine international kontrollierte Überganszeit bis zur Einsetzung der neuen Regierung.

Gegen eine Überwachung der Wahlen durch die UN haben die Südafrikaner nichts einzuwenden. Aber sie möchten die Swapo von den Wahlurnen fernhalten, weil, so lautet ihre Argumentation, die moskauhörigen Guerillas die Entscheidung nicht Wahlen überlassen, sondern mit Waffengewalt erzwingen wollen. Daß dieser Vorwurf nicht vollkommen aus der Luft gegriffen ist, zeigt die Reaktion der Swapo. Mit immer neuen Vorbedingungen drückt sie sich vor einer klaren Stellungnahme. Noch immer ist ungewiß, ob sie sich überhaupt an Wahlen beteiligen will.

Auch nach der jüngsten Namibia-Initiative wand sich Swapo-Chef Sam Nujoma: Er sei zu weiteren Gesprächen mit den Westmächten zwar bereit, aber vor den Wahlen müßten vor allem folgende Forderungen erfüllt sein. Erstens: Hafen und Territorium Walfischbucht, die durch einen geschichtlichen Zufall zu Südafrika, nicht aber zu der ehemaligen deutschen Kolonie gehören, müßten Namibia zugesprochen werden; zweitens: alle 20 000 südafrikanischen Soldaten müßten abgezogen werden, mit Ausnahme einer kleinen 1500-Mann-Garnison, die an einem Ort stationiert werden sollte, wo sie ohnehin nichts auszurichten vermag, nämlich unmittelbar an der südafrikanischen Grenze.

Doch diese immer neuen Vorbedingungen, aber auch die gespannte Lage in Namibia, drängen die Südafrikaner zu schnellen Entschlüssen. Für Mittwoch hatte Premier Vorster sein Kabinett zusammengerufen. Einziger Tagesordnungspunkt: Südwestafrika.