Von Jürg Altwegg

Ein Buch der sinnlichen Sätze, mit philosophischem Inhalt, geschrieben aus der Perspektive der Kloake; ein Buch heimlicher Erotik, ein Buch über die Müllabfuhr der Großstädte, ein Buch über die Mutter als Alma Genitrix", ein Buch aus "Schwesterseele und Bruderleib": Das alles – und nicht viel mehr – ist der neue Roman des französischen Schriftstellers Michel Tournier, dem 1967 für seinen Erstling "Freitag oder im Schoß des Pazifik" der Literaturpreis der Académie Française, 1970 für "Der Erlkönig" der Prix Goncourt verliehen wurde –

Michel Tournier: "Zwillingssterne", Roman, aus dem Französischen von Hellmut Waller; Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg, 1977; 470 S., 34,– DM.

Labyrinth der Geschlechtlichkeit und Hohelied der Homosexualität: Michel Tournier appelliert mit seiner klassisch-korrekten, eleganten Syntax und einem gelegentlich leicht schlüpfrigen Stil an die Sinne des Lesenden. Seine literarische List sind Reizmetaphern, die in immer neuen Bildern und Szenen das Grundthema dieses Romans variieren und illustrieren – eine heimliche Erotik und die latente wie offenbare Homosexualität. Ihr spürt Tournier in Knabeninternaten, Kloaken und Kirchen nach.

Die semantischen Felder, die der Autor beackert, verweisen auf eine Metaphorik der geschlechtlichen Triebe und homophilen Instinkte. Tournier entwickelt eine raffinierte Technik der Verschiebung und Verführung, deren Ziel es ist, die Leser in eine Welt der lustvollen homoerotischen, philosophisch verklärten Phantasmen zu locken.

"Das nennt man Sublimation", verkündet und belehrt der letzte Satz eines Romans, mit dessen ersten Zeilen der Verfasser sich listigerweise als scheinbare Randfigur einführt: als Michel Tournier, der am Strand von Saint-Jacut Aristoteles’ "Meteora" liest. Auf einen Streich kommt er so zu einem – sublimen – Alibi (Aristoteles lesend) und zur Klimax des literarischen Narzißmus: Tournier im Quadrat – die Kreatur seiner selbst – und das im angeblichen Ablenken vergeblich zu verschleiern suchende Tarnmanöver ist in seinem gesamten Mechanismus wohl die genaueste Metapher für das, was Tournier auf den folgenden 470 Seiten treibt. Man kann es auch Sublimation nennen.

Eines der Merkmale der "Zwillingssterne" ist die Tatsache, daß sich die Handelnden und Gehandelten der Erzählung über dreißig Jahre hinweg, durch innere wie äußere Krisen und den ganzen Zweiten Weltkrieg hindurch, kaum verändern: Maria-Barbara fühlt sich nur wohl, wenn sie schwanger ist oder stillt; Edouard, ihr Gatte, betrügt sie nach Strich und Faden und wird bei ihrem Tod vor Trauer wahnsinnig. Alexander haßt die Heterosexuellen. Paul liebt seinen Zwillingsbruder Jean, in dessen Leben eine – die Idylle zerstörende – Frau tritt: Sie trifft Pauls tödlicher Zorn. Jean ergreift schließlich die Flucht vor seinem Zwillingsbruder, der ihn durch die ganze Welt verfolgt, nach Kanada und Japan, Anchorage und München (die Städteporträts sind lesenswert). In einem Tunnel unter der Berliner Mauer wird der Jäger auf tragische Weise zum Krüppel.

Episode reiht sich an Episode: Auf Seite 470 hört der Spuk auf. Die Geschichte hätte ebensogut hundert Seiten kürzer oder 200 länger sein können. Es ist Paul nicht gelungen, Jean, sein "alter ego", seinen Geliebten, Freund, Komplizen, einzuholen. Ein Schlüsselsatz zu Beginn lautet: "Alles, was sie voneinander wegführt, führt sie im Grunde von der Mutter weg." Losgekommen voneinander sind Jean und Paul, Jean-Paul, darüber kann auch die geographische Trennung nicht hinwegtäuschen, auf keiner Seite dieses Zwillingsromans. Michel Tourniers wortgewaltige Apokalypse der Homosexualität ist zwischen den Zeilen, und nicht nur dort, zu lesen als stiller Triumph der von der "Super-Genitrix" Maria-Barbara inkarnierten (Über-)Mutter.