Der Tarifabschluß für die New Yorker Transportarbeiter war maßvoller als erwartet

Die New Yorker Citibank schlug ihren Angestellten vor; mit dem Fahrrad zur Arbeit zu fahren und es notfalls hinter dem Schreibtisch im Büro zu parken. Die Wiederentdeckung des Stahlrosses als Transportmittel im Berufsverkehr fand nicht statt, der befürchtete Streik der New Yorker Verkehrsarbeiter konnte vermieden werden. Die U-Bahnen und Busse rollen weiter. Aber der Preis dafür kommt die notorisch geldknappe Finanzkapitale Amerikas teuer zu stehen. Der von Bürgermeister Edward I. Koch als "vernünftig" bezeichnete Tarifvertrag kostet die Steuerzahler an die hundert Millionen Dollar.

Wenn der für die 32 700 Verkehrsarbeiter ausgehandelte Lohnanstieg als Modell für die im Juni bevorstehenden Tarifabschlüsse mit weiteren 225 000 städtischen Angestellten angewendet wird, dann kommen auf New York City zusätzliche Kosten in Höhe von 900 Millionen Dollar und mehr im Laufe von zwei Jahren zu.

Gleichzeitig bringen Tarifabkommen dieser Größenordnung für New York City die Gefahr mit sich, daß Washington der Stadt die Bürgschaft für längerfristige Milliardenkredite verweigert. Nur mit Hilfe einer solchen Bürgschaft kann New York City finanziell wieder auf die Beine kommen und den städtischen Haushalt nach und nach wieder in Ordnung bringen. Einflußreiche Kongreßmitglieder haben die Stadt in den vergangenen Wochen immer wieder dazu ermahnt, die Tariferhöhungen niedrig zu halten.

Bürgermeister Koch hatte sich im Wahlkampf für eine unnachgiebige Haltung gegenüber den Gewerkschaften stark gemacht, ganz wie einer seiner Vorgänger, der liberale John Lindsay. Nach zwölf Tagen Streik der Verkehrsarbeiter war Lindsay aber kein Held mehr in den Augen der Öffentlichkeit. Da sich der damalige Gouverneur Rockefeller weigerte, die Nationalgarde beim Betrieb der Verkehrsmittel einzusetzen, mußte Lindsay einen Tarifvertrag unterschreiben, dessen Großzügigkeit für die immer stärker anschwellende Ausgabenflut mitverantwortlich war. Eingedenk dieser Erfahrungen gab Koch offensichtlich sein Ja zu dem jetzigen Tarifabkommen.

Die Meldungen über die sich verstärkende Inflation in den USA haben dem Bürgermeister eine härtere Haltung sehr erschwert. Verglichen mit den jüngsten Tariferhöhungen der privaten Wirtschaft – beispielsweise im Bergbau, wo 37 Prozent Lohnerhöhung innerhalb von drei Jahren beschlossen wurden – nimmt sich der von den New Yorker Verkehrsarbeitern durchgesetzte Lohnanstieg sehr Bescheiden aus zumindest auf den ersten, oberflächlichen Blick.

Sechs Prozent bei einer Laufzeit von 21 Monaten – das erscheint tatsächlich bescheiden. Rechnet man aber die einmaligen Inflationsausgleichs-Zahlungen, die Auswirkungen der an die Inflationsrate gebundenen Lohngleitklauseln hinzu, kommt man auf einen Anstieg von annähernd sechzehn Prozent in zwei Jahren. Zu berücksichtigen ist zudem, daß die New Yorker Verkehrsarbeiter schon jetzt weit mehr Verdienen, als für vergleichbare Arbeiten in öffentlichen und privaten Unternehmen in den meisten Regionen Amerikas gezahlt wird. Durchschnittlich verdient ein New Yorker Verkehrsarbeiter; Jahr über 17 500 Dollar. Wegen der hohen Lebenshaltungskosten in New York lebt eine vierköpfige Familie damit aber an der Schwelle der Armut. Bei realistischer Einschätzung dieser Umstände konnte man wohl deshalb einen niedrigen Tarifabschluß kaum erwarten.

Das vergleichsweise Maßhalten bei den Lohnforderungen der Verkehrsarbeiter läßt hoffen, daß vielleicht Ende des Jahrtausends wieder genug Geld dafür da ist, die Straßen von New York City von dem oft unerträglichen Dreck zu säubern, die baufälligen Brücken vor den Einstürzen zu bewahren, die Schlaglöcher in den Straßen zu stopfen und ein weiteres Ausbreiten der Slums zu verhindern. Jes Rau