Von Christa Rotzoll

Erst war ich mißtrauisch. Es kam mir nahezu unglaublich vor, daß es diesen Roman bisher noch nie auf deutsch gegeben haben sollte –

Aldous Huxley: "Eine Gesellschaft auf dem Lande", Roman, aus dem Englischen von Herbert Schlüter; Piper Verlag, München, 1977; 248 S., 32,– DM.

War Huxley, der Gesellschaftsromancier, denn in den dreißiger Jahren und dann noch einmal von Fünfundvierzig an nicht unsere Kraftnahrung, unser allerfeinster Gesprächsstoff? Wollten nicht alle Bürgertöchter wie Lucy Tantamount sein ("Kontrapunkt des Lebens") oder wenigstens so tun, als seien sie wie Lucy: überlegene und unbefangene Lebedamen? Alle vielleicht doch nicht. Auch diese Jahrgänge könnten die eigene soziale Gegend mit dem Vaterland verwechselt haben. Aldous Huxleys erster Roman, "Crome Yellow", scheint jedenfalls erst heute, sechsundfünfzig Jahre nach seiner Premiere, vierzehn Jahre nach dem Tod des Autors, auch für Deutschland interessant zu sein.

Der junge Huxley hat "Eine Gesellschaft auf dem Lande" vorgeführt – der deutsche Titel ist nicht schlecht gewählt –: die Hausgäste der eifrigen und grellen Priscilla Wimbush, in der sich Lady Ottoline Morrell, die Gutsherrin und Prominentensammlerin und Huxley-Protektorin, ziemlich lieblos, porträtiert fand. Priscillas königinnenhafte Zutaten – Perlen, Roben, Federhüte – erinnern den jungen Dichter Denis im Roman an Music-Hall-Programme oder prunkvolle Begräbnisse. Bertrand Russell, damals ein Mann um Fünfzig, gleicht für Denis-Huxley "einem ausgestorbenen Saurier" und wird unter dem Tarnnamen. Mr. Scogan sorgfältig beschrieben: "Seine Nase sprang spitz und schnabelförmig vor, und seine dunklen Augen hatten den blanken flinken Blick des Rotkehlchens. Dennoch hatte er nichts Sanftes, Anmutiges oder flauschiges an sich; die Haut seines runzeligen braunen Gesichts wirkte trocken und schuppig, und seine Hände waren Krokodilshände. Seine raschen Bewegungen hatten wie die der Eidechse das Verwirrend-Abrupte eines aufgezogenen Uhrwerks; seine Stimme war dünn, flötend, trocken."

Bei aller Hochachtung vor solchem Wahrnehmungsvermögen – man spürt auch die Absicht, sich so amüsant und originell wie möglich auszudrücken. Huxley, der Verfasser, glänzt als Klatschmaul, als der umsichtige, der wohlvorbereitete Unterhalter, der auch sein Denis im Roman sein könnte, wenn ihn die anderen Gäste nicht so oft unterbrächen. Wie Denis immer neu zu den längst ausgefeilten Londoner Berichten ansetzt, wie seine Darbietung durch feindliche Konversationsbrocken behindert wird, das nimmt das Urbild Huxley selbstironisch hin.

Tischgespräche als Tragikomödie, geheimzuhaltende Verwundungen, ein ewiges Verfehlen und gezielte Racheakte unter einer artigen und munteren Konversation – das alles war schon 1921 Huxleys Stärke. Als Nachkomme bedeutender Gelehrter mußte Huxley sich dort, wo er aufgenommen war, nicht unter Schmerzen anpassen. Außenseiter war er höchstens durch seine Begabung und durch seine Jugend. Darum stimmen ihn die von Routine und von Affereien nur zum Teil verdeckten Unglücksfälle niemals bitter oder feierlich. Er mokiert sich lieber, als Gesellschaftsmensch, wenn auch als ein besonders hellhöriges Exemplar.