Drei Wochen nach der Entführung Aldo Moros durch die "Roten Brigaden": Die fünf Parteien der neuen Regierungsmehrheit unterstrichen im Parlament ihre Entschlossenheit, keiner Erpressung nachzugeben.

"Einen Unschuldigen im Namen eines abstrakten Legalitätsprinzips zu opfern, ist unzulässig, während ein Notstand es erfordert, ihn zu retten." An diesem Satz Moros in seinem "vertraulichen" (von den Terroristen sofort der Presse zugeleiteten) Brief ist zwar die Handschrift echt; auch andere professorale Formulierungen entsprechen Moros Stil. Aber niemand, der diesen Politiker und sein Denken kennt, zweifelt daran, daß ihn nur "die volle und unkontrollierte Herrschaft, unter der ich mich befinde" (wie er selbst andeutet) dazu bewegen konnte, die Regierung zu Austauschverhandlungen mit seinen Entführern aufzufordern, ja sogar "einen präventiven Schritt des Heiligen Stuhls" in dieser Richtung anzuregen. Der Vatikan gab sofort zu verstehen, daß er sich wie stets humanitären Vermittlungsdiensten nicht, entziehen würde, doch, so sagte der Papst letzten, Sonntag öffentlich: "Wir besitzen kein besonderes Indiz über den Stand der Dinge."

Es ist ohnehin sehr zweifelhaft ob die Roten Brigadisten überhaupt an einem Austausch mit ihren vor Gericht stehenden Genossen interessiert sind; diese verstehen ihren Prozeß in Turin als Propagandatribüne. Sie gebärden sich selbst als "Richter", die sich brüsten, sie wollten in Aldo Moro "nicht eine Person eliminieren, deren Würde wir anerkennen", sondern einen "Repräsentanten eurer Klasse" (so in Turin Renato Curcio, der Begründer der "Roten Brigaden").

Hauptziel der Terroristen scheint es demnach zu sein, Moro – selbst wenn es die Umstände erfordern, ihn am Leben zu lassen – politisch zu diskreditieren und (zum Beispiel durch Briefe wie denzitierten) öffentlich zu demütigen, aus ihm Vertrauliches über seine eigene Partei und seine jahrelange Strategie der demokratischen Einbindung und Entradikalisierung von Sozialisten und Kommunisten herauszupressen.

Was dabei als Abkehr von revolutionärer Utopie und Stalinismus zur Debatte steht, ist für die blutroten Fanatiker, die sich auf Mao berufen, nichts als strafwürdige "Konterrevolution". Anders aber als die deutschen Terroristen müssen sie keineswegs mit totaler gesellschaftlichen Isolierung rechnen, sondern können auf aktive oder passive Unterstützung durch Zehntausende enttäuschter Linksextremisten rechnen – aber auch auf die gar nicht klammheimliche Haltung von Millionen, die zwar der Terror als solcher erschreckt, das Schicksal eines Parteipolitikers jedoch kaum berührt. Hansjakob Stehle (Rom)