Die Hoffnungen der Börsianer auf eine Geschäftsbelebung im neuen Monat. haben nicht getrogen. Sowohl am Renten- als auch am Aktienmarkt stiegen nach der Monatswende die Umsätze. Allerdings viel weniger stürmisch, als man erwartet hatte. Zwar hat das Ende des Tarifkonfliktes in der Metallindustrie eine spürbare Erleichterung ausgelöst und gleichzeitig bisher, zurückgehaltenes Geld lockergemacht. Doch ist vielen Wertpapiersparern unwohl bei dem Gedanken, was die IG Metall auf dem Gebiet der Arbeitsplatzsicherung durchgesetzt hat. Sie fühlen, daß dieser Kompromiß letzten Endes auf ihrem Rücken abgeschlossen worden ist, denn er führt zu einer weiteren Schmälerung der Unternehmensgewinne, weil Rationalisierungserfolge viel später als bisher zu Buche schlagen werden.

Die nominelle Tariferhöhung von fünf Prozent hat die Börse nicht mehr geschreckt. Darauf war sie gefaßt. Zunächst einmal zählt der wieder hergestellte Arbeitsfrieden. Aber davon wird der Börsenhandel nicht lange leben können. Deshalb sind die Börsianer auf der Suche nach neuen "anregenden Faktoren". Sie stießen dabei – wie schon des öfteren in den letzten Wochen – auf die Kaufhausaktien, die sich noch weit unterhalb ihrer im vergangenen Jahr erreichten Höchstkurse bewegen. Wenn allerdings immer wieder zu hören ist, daß die Warenhäuser Nutznießer des schwachen Dollar sind, weil die Unternehmen billiger importieren können, so ist dem entgegenzuhalten, daß dem schwachen Dollar meist steigende Preise für Importgüter gegenüberstehen. Zugenommen hat in den letzten Wochen die Konsumbereitschaft und damit die Umsätze der Warenhäuser. Das mag ein realer Grund für die Besserbewertung der Aktien sein.

Konjunkturelle Gründe sind auch für den Anstieg der Bauaktien verantwortlich. Allmählich belebt sich die inländische Bauwirtschaft. Mit der festeren Tendenz für Bauaktien steigen auch Beton + Monier, doch wohl weniger aus konjunkturellen Gründen. Vielmehr sorgt der bevorstehende Eintritt von Ernst Wilhelm Mommsen in den Aufsichtsrat der Gesellschaft für die Gewißheit, daß der Vorstand nun unter strenge Kontrolle kommt und daß man wohl gewillt ist, das Unternehmen durchzubringen, "koste es, was es wolle".

Weniger spekulativ eingestellte Investoren halten sich indessen an die renditestarken Aktien, vor allem an die Versorgungswerte. Hier sind RWE-Aktien immer noch Nr. 1. In letzter Zeit bewegen sie sich allerdings nur noch recht schwerfällig nach oben. Das hängt mit der erst kürzlich abgeschlossenen Kapitalerhöhung zusammen, die den ohnehin schon breiten Markt dieser Papiere noch einmal ausgeweitet – hat. Zu berücksichtigen ist aber auch, daß fast alle größeren Anleger bereits RWE-Aktien in ihren Portefeuilles haben, teilweise bis an die Grenze des gesetzlich zulässigen. Möglicherweise wird es den RWE-Aktien einmal so gehen wie den Siemens-Aktien. Jeder weiß, daß es sich hierbei um Klasse-Papiere handelt. Da sie aber schon jeder hat, fehlt es an neuen Käufern, die den Kurs in Bewegung bringen könnten.

"Keiner liebt sie, jeder hat sie!" – hieß es kürzlich in den Börsensälen von den Aktien der deutschen Großchemie. Allmählich gewinnen diese Papiere jedoch neue Freunde. Trotz der weiterhin negativen Berichte von Hoechst und BASF will man wissen, daß die Unternehmen der Großchemie die Gewinntalsohle erreicht haben und sich erste Ansätze einer Besserung zeigen. Dafür, daß dies niemand "amtlich" bestätigen will, hält man eine Erklärung bereit: Vor Abschluß der Tarifverhandlungen in der Chemie ist Optimismus fehl am Platz. Immerhin – was bessere Stimmung machen kann, zeigt das Beispiel der holländischen Akzo-Aktien. Ihr Wert hat sich innerhalb weniger Tage um weit mehr als zehn Prozent erhöht – obwohl es bei ihnen mit Sicherheit keine Dividende geben wird. Bei den deutschen Großchemie-Aktien sind 6 oder 6,50 Mark zu erwarten.

Der Commerzbank-Abschluß für 1977 hat deutlich gemacht, daß die Banken trotz des für sie schwierigen steuerlichen Übergangsjahres mit stolzen Gewinnabschlüssen aufwarten werden. Die Dividendenherabsetzung gegenüber dem Vorjahr, begründet mit der Änderung der Körperschaftsteuer, ist ein psychologischer Schritt. Es besteht kein Zweifel, daß die Großbanken in der Lage gewesen wären, ihre bisherigen Bardividenden aufrechtzuerhalten. Dann hätte der Aktionär – wie zum Beispiel im Falle Siemens – die Steuergutschrift von 9/16 der Bardividende voll zusätzlich erhalten. Ein solches Geschenk glaubt man den Aktionären mit Rücksicht auf das soziale Klima nicht machen zu dürfen. Mit den Kurssteigerungen kommen die Bank-Aktionäre nun auf andere Weise in den Genuß des guten Bankenjahres 1977.

Bei Eisen und Stahl sieht der Klöckner-Vorstand Licht am Ende des Tunnels. 1977, sagte er, sei das verheerendste Jahr in der Nachkriegsgeschichte der europäischen und deutschen Stahlindustrie gewesen. Um so mehr muß man wohl die Thyssen AG bewundern, die ihren Aktionären dennoch eine akzeptable Dividende in Aussicht gestellt hat. Thyssen-Aktien wurden in den letzten Tagen aus Renditegründen lebhaft erworben. Die Klöckner-Aktionäre müssen sich weiterhin auf Dividendenlosigkeit einstellen.