Von Claus Voland

Die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus verkommt in der Öffentlichkeit und in Teilen der öffentlichen Meinung, den Medien, immer mehr zu einem Rummel um ein paar "Führer" des NS-Regimes: Hitler, Himmler, Goebbels, Heydrich. Es wird bestenfalls noch dargestellt, was war. Das Grauen und Sterben von Millionen Menschen schnurrt in Filmen am Betrachter vorbei, erstarrt in Photos.

Die Frage nach den Ursachen und das Bündel von Antworten berührt nicht nur die jüngste Vergangenheit, sondern reicht in die Gegenwart. Wir müßten uns nämlich dann auch fragen, was geblieben ist an Ursachen, die den Faschismus in der Ausprägung des Nationalsozialismus, zur Herrschaft gebracht haben? Und eben diese Frage – in einigen wissenschaftlichen Werken untersucht – wird in der gegenwärtigen Hitler-Vermarktung konsequent ausgeklammert. Sie wird leider auch zu wenig gestellt in:

Kurt-Ingo Flessau: "Schule der Diktatur – Lehrpläne und Schulbücher des Nationalsozialismus"; Franz Ehrenwirth Verlag, München 1977; 223 S., 22,– DM.

Flessau gibt zwar an einigen Stellen kurze und bündige Hinweise auf Nationalismus und Chauvinismus, Großmannssucht und imperialistische Ideologie des wilhelminischen Kaiserreiches, zieht kurze Linien zur Deutschtümelei und zum nationalistischen Pathos der späten Romantik. Die Begründung aber, warum nach 1933 zum Beispiel viele Lesebücher zunächst von den Nazis nicht oder kaum geändert wurden, weil sie eben schon ausreichend nationales Pathos und "Volksgut" enthielten, fällt zu mager aus. Dies indessen ist der einzige wichtige Einwand gegen ein Buch, das detailliert darlegt, wie die Nazis Schule und Lehrbücher in ihren "Dienst" stellten. Sie zerschlugen das demokratisch-pluralistische Schulsystem der Weimarer Republik und schufen eine Schule, die Kinder und Jugendliche so erzog, wie es der "Führer" wollte: "Zäh wie Leder, hart wie Krupp-Stahl und flink wie die Windhunde,"

Die Ziele waren soldatischer Gehorsam, Opferbereitschaft, Treue und Angriffsgeist. Dem hatte sich auch die wissenschaftliche Ausbildung unterzuordnen. Die Erziehung zur Humanität haben die Nazis als "Gefühlsduselei" verspottet. Den Mädchen wurde kaum eine intellektuelle Entwicklung zugestanden. Hitler hatte in "Mein Kampf" postuliert: "Das Ziel der weiblichen Erziehung hat unverrückbar die kommende Mutter zu sein." Damit war alles gesagt und so handelte denn auch nationalsozialistische Päd-

Flessau belegt an vielen Beispielen, wie die Nationalsozialisten, ob in Regierung oder Parteiorganisationen, keinen Schultyp und kein Lehrfach ausließen, um dort ihre "Weltanschauung" zu verankern. "Die Volksschule hat mit den anderen Schularten und neben den Gliederungen. der Partei, dem Arbeitsdienst und dem Heer die hohe Aufgabe, die deutsche Jugend zur Volksgemeinschaft und zum vollen Einsatz für Führer und Nation zu erziehen", so der Richtlinien-Erlaß des Reichserziehungsministers Bernhard Rust vom 10. April 1937. Und in den "Allgemeinen Richtlinien" hieß es: "Die Volksschule hat nicht die Aufgabe, vielerlei Kenntnisse zum Nutzen des einzelnen zu vermitteln, sie hat alle Kräfte der Jugend für den Dienst an Volk und Staat zu entwickeln und nutzbar zu machen."