Bundeskanzler Helmut Schmidt ist am letzten Wochenende zu einem Blitzbesuch zum französischen Staatspräsident ten Giscard d’Estaing nach Paris geflogen. Vizekanzler Hans-Dietrich Genscher eilte zu einem Acht-Stunden-Besuch nach Washington. Der Wunsch, vom nächsten europäischen Gipfel am 7. und 8. April in Kopenhagen wenigstens einen kleinen Erfolg mit nach Hause zu bringen, ist allein schon stark genug, die Regierungen der Mitgliedsländer aus ihrer europäischen Lethargie zu reißen.

Aber diesmal steht mehr auf dem Spiel als Kosmetik. Drei Themen trüben die Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und den europäischen Verbündeten: Die Neutronenbombe, die Versorgung der Europäer mit amerikanischem Uran und der Sturzflug des Dollars. Man braucht kein Hellseher zu sein, um zu erraten, daß diese Themen sowohl im – Elysee als auch im Weißen Haus im Mittelpunkt der Gespräche standen.

Zwei der drei Themen berühren vitale Zukunftsinteressen der Bundesrepublik. Das dritte, der Dollar, brennt uns heute schon auf den Nägeln. Er fällt und fällt und fällt. Die deutsche Exportindustrie verliert entweder Erträge oder Märkte Aber auch Unternehmen, die nicht exportieren, sehen sich zunehmend dem Wettbewerb mit ausländischen Produkten ausgesetzt, deren Einfuhr billiger geworden ist.

Jeder neue Hinweis auf die Ursache der Dollarschwäche – das Loch in der amerikanischen Zahlungsbilanz – treibt den Dollarkurs weiter nach unten. Als bekannt wurde, daß das Defizit der amerikanischen Handelsbilanz im Februar eine Rekordhöhe erreicht hatte, fiel der an sich schon schwache Dollar noch weiter. Nur mit Hilfe kräftiger Stützungskäufe hat die Bundesbank verhindert, daß er wieder unter die psychologische Grenze von zwei Mark absackte. Ähnliche Entwicklungen wurden aus Zürich und Tokio gemeldet.

Das alles ficht die Amerikaner nicht an. Regierungsmitglieder erklären deutschen Besuchern zynisch, es gäbe kein Dollarproblem, nur ein Markproblem. Trotz zweimaliger feierlicher Erklärungen, sie würden sich nun auch selbst um den Außenwert des Dollars kümmern, haben die Amerikaner, wie erwartet, nichts Entscheidendes getan. Die Europäer könnten darüber hinwegsehen, wenn erkennbar wäre, daß sich Carter bemüht, den Ursachen der Dollarschwäche zu Leibe zu rücken. Aber es geschieht so gut wie nichts.

Die Energieverschwendung, die den Amerikanern zur zweiten Natur geworden ist, zwingt sie ebenso wie der Aufbau einer strategischen Ölreserve auch weiterhin zu sehr hohen Öleinfuhren. Von einschneidenden Energiesparmaßnahmen sind sie ebenso weit entfernt wie von einem überzeugenden Stabilisierungskonzept. An einem Tage hält der neue Zentralbankpräsident Miller eine Brandrede gegen die Inflation und erklärt sie zum Feind Nr. 1. Am nächsten Tag aber nimmt irgendein Regierungsmitglied mit der Bemerkung alles wieder zurück, daß der Kampf gegen die Inflation die Konjunktur nicht abdrosseln dürfe. Konzeptionslosigkeit, halbherzige Maßnahmen, Unentschlossenheit in Washington – mit einer amerikanischen Entlastungsaktion an der Dollarfront ist nicht zu rechnen.

Bundesregierung und Bundesbank müssen deshalb darüber nachdenken, wie sie die deutsche Wirtschaft vor den Folgen des Dollarverfalls schützen können. Auf den ersten Blick bieten sich nur zwei Strategien an, Bonn und Frankfurt können entweder den Druck auf den Dollar weiter hinnehmen und die Folgen durch Interventionen auf einen längeren Zeitraum verteilen oder sie müssen zum häßlichen Mittel der Devisenbannwirtschaft greifen, das heißt, den freien Kapitalverkehr nach Schweizer Muster durch bürokratische Kontrollen unterbinden.