Von Hermann Meier-Cronemeyer

Buber, das gibt es doch gar nicht, das ist doch eine Legende", erwiderte Edmund Husserl, als Martin. Buber sich vorstellte. Er ist es noch heute. Nun muß, obwohl es ein beliebtes Verfahren ist, eine Biographie nicht unbedingt Legenden zu zerstören trachten, Sie könne es dabei bewenden lassen, möglichst viele Daten und Details zusammenzutragen, notfalls gar, falls die eigentlichen Dokumente wenig hergeben, sich mit Land und Leuten ringsum beschäftigen.

Gerhard Wehr: "Der deutsche Jude – Martin Buber"; Kindler Verlag, München 1977, 288 S., 34,– DM

wählte die blasseste aller Möglichkeiten, die, zudem höchst einseitige Nachzeichnung eines religiös-philosophischen Denkens, fern von historischer und psychologischer Durchdringe – mag der Autor auch angesichts von Bubers Abschirmung gegen biographische Neugier "ein gewisses Maß an subtiler Respektlosigkeit" versprechen und gar so etwas wie Ur-Szenen im Leben des jungen Buber ausmachen: Die ‚Vergegnung" von Menschen nämlich, erfahren am Fehlen der Mutter, und die Begegnung mit "der ungeheuren Anderheit" aller Kreatur beim Kraulen eines Apfelschimmels.

Respektvoll paraphrasiert Wehr sein ganzes Buch hindurch Bubers erhabene, durch Kursivdruck hervorgehobene Worte von "Du und Ich", der "Zwiesprache" und dem "Zwischen", in welchem Gott waltet. Als gelte es allein, sich seines Bubers zu vergewissern, entzückt Wehr vermutlich erneut all diejenigen, die nie aus der "Bubertät" herauskamen, wie seinerzeit in Deutschlands jüdischer Jugendbewegung geflachst wurde.

Wenn Wehr wenigstens seinen Titel ernstgenommen und gefragt hätte, was denn der Deutsche, der Jude in Buber gewesen sei. Wehr erwähnt zwar die verhemente Ablehnung durch die jüdische Orthodoxie, erklärt aber nicht ihre durchaus respektablen Gründe, sondern vertraut blind auf Bubers Selbstcharakteristik als Erzjude. Immer wieder kommt er auf Bubers "Hebräischen Humanismus" zu sprechen, mit keiner Silbe aber darauf, welchen Affront gegen orthodoxes wie liberales Judentum der Rückgriff junger Zionisten auf die alten Hebräer bedeutete.

Bubers Kritik des zeitgenössischen Judentums war nicht weit entfernt von der eines Hartenau alias Rathenau und eines H. St. Chamberlain, denen gleichfalls die Verwechslung von Hebräern und Juden mißfiel. Hätte der Verfasser einmal darüber nachgedacht, warum Buber nach dem Ersten Weltkrieg als "der von dem geistigen Deutschland anerkannte deutsche Jude" angesehen werden konnte, hatte ihm aufgehen müssen, daß der Religionsphilosoph haargenau den mythisch angehauchten antirationalen, neoromantischen Zeitgeist traf. Deutscher Jugendbewegung, die mit ihrem Christentum, jüdischer, die mit dem etablierten Judentum nichts anzufangen wußten, redete Buber aus dem Herzen und nach dem Munde, indem er Religion zur Religiosität verdünnte. Unbekümmert um alle nach kritischer Rationalität strebende Wissenschaft dichtete er seinen Chassidismus. Gerade bei einem Dichter indes, der selber das Wort so ernst nahm, wäre es an der Zeit, über das Reden von Boden und Blut nicht mit der Bemerkung hinwegzuhuschen, daß uns Bubers Sprache "fremd, ja verdächtig" geworden sei. Aus romantisch-völkischem Denken stammt übrigens Bubers Verdikt des Nationalstaates – in Deutschland wie in Palästina, das der Autor zwischendurch mal beiläufig, gegen Ende notgedrungen etwas ausführlicher behandelt.