Nun habe ich viele Jahrzehnte lang brav Joghurt gegessen, unlängst sogar mit Kefir angefangen – und jetzt ist offenbar alles für die Katz gewesen.

Es sieht nämlich ganz so aus, als würden die Leute dort, wo man die Milchzersetzung mit Edelpilzen erfunden hat, auch nicht älter als unsereins. Ebensowenig scheinen die uralten Kaukasier, die uns so sympathische Rezepte geben wie "täglich fünf Zigarren" oder "eine Flasche Wodka pro Tag" in Wahrheit so alt geworden zu sein, wie sie uns immer erzählt haben.

Genaues weiß man zwar immer noch nicht über Bulgaren und Russen. Genaues aber wurde immerhin über die Einwohner des Gebirgsdorfes Vilcabamba in Ekuador offenbar. Zum erstenmal gelangte der Ort zu Weltruhm, als die Volkszählung 1971 unter den nur 819 Bürgern des Fleckens neun Überhundertjährige auswies. Noch berühmter wurden die Vilcabambaner durch das höchst wissenschaftliche Buch eines britischen Anthropologen: "Die Hundertjährigen aus den Anden." Opas und Omas, die 140, ja 150 Jahre alt geworden waren, hatte der Forscher vorgestellt und natürlich allerlei einleuchtende Gründe für ihre Langlebigkeit aufgezählt: die gute Luft, das vernünftige Essen, die harte, doch saubere Arbeit ohne Streß, und was man halt sonst noch für gesund hält, besonders die Nestwärme und die intakten Familien.

Doktor Salvador vom Gesundheitsministerium in Ekuador hatte den medizinischen Grund dingfest gemacht: die Dorfbewohner hätten fast nie Kreislaufkrankheiten, prahlte er.

Aber dann kam Alexander Leaf, ein Medizinprofessor von Harvard, auf die Idee, seinen Forschungsurlaub an den drei Orten zu verbringen, die den Weltrekord an Langlebigkeit zu halten schienen, Im Kaukasus, in den Karakoram-Bergen von Kaschmir und in Vilcabamba. Sein Ziel war es, eine gemeinsame Ursache für das höhe Alter der Senioren in diesen Gebieten zu finden – er fand keine. Er bemerkte nur mit seinem Medizinerblick, daß so ein Greis von 130 Jahren oft erstaunlich gute Arterien zu erkennen gab. Und noch etwas: Bei seinem Besuch 1971 lernte er einen 122jährigen Mann kennen; als er ihn 1974 wiedertraf, war dieser aber schon 134 Jahre alt. Das ging dem Gelehrten zu fix.

Der Professor trommelte ein paar Kollegen zusammen, die sich in das Andendorf begaben und dort nach dem Rechten sehen sollten, darunter eine Anthropologin, die auf Ekuador spezialisiert ist.

Das Team, hatte es bald heraus: Die Leute in dem Ort sind recht sparsam mit den Namen. Großvater, Vater und Sohn heißen alle gleich. Hohes Alter gilt dort als Statussymbol. So hat es sich eingebürgert, daß man von Jahr zu Jahr immer etwas mehr zu seinem Alter hinzuschwindelt, bis man allmählich das Geburtsdatum des Vaters oder der Mutter erreicht hat, das dann jeder amtlich nachprüfen kann.