Von Wilhelm Drühe

Ain Morgen war der Brief vom Kreiswehrersatzamt gekommen, jetzt muß Helmut Keulen etwas unternehmen. Er sucht nach dem Prospekt, den Gitte, die "Neuerwerbung" vom letzten Freitag, ihm mitgebracht hatte; sie hatten in der "Disco ’88" über den "Bund" gesprochen. "Mach’ doch bei uns mit; wir haben in unserem Kirchenkreis einen sozialen Friedensdienst; das ist doch besser als der Scheißbund." – Dieser Gedanke hatte ihn dann am Wochenende beschäftigt, jetzt suchte er das gelbe Faltblatt. Da war es: dem Panzer hatte man einen Knoten in das Kanonenrohr gemacht. "Für den Frieden arbeiten", hieß es. Eine Todesanzeige für 14 513 Kriege in der Menschheitsgeschichte – mit mehr als 3 Milliarden Toten – gehörte dazu.

Wenn er, Helmut Keulen, keine Waffe in die Hand nimmt, und wenn die anderen es genauso machen, dann hört dieser Unsinn endlich auf, und Gitte hatte gemeint: "Einmal müssen wir damit anfangen!"

Er klebte das Faltblatt an die Wand. Es wirkt gar nicht schlecht. Soldaten marschieren im Gänsemarsch über eine Treppe in einen Panzer. Der sah aus wie ein Fleischwolf in der Küche. Und aus dem Kanonenrohr purzelten Kreuze für einen Friedhof. Da saß er nun. "Kriegsdienst – Friedensdienst – Deine Entscheidung", forderte der Prospekt, und der Einschreibebrief vom "Bund" tat ein übriges.

Mit der Kirche hatte er nach der Konfirmation nicht mehr viel im Sinn gehabt. Vor einem Jahr war er in einem modernen Gottesdienst gewesen. Die anderen hatten ihn mitgenommen. Die Musik war nicht schlecht, alles andere wie gehabt in der Kirche. Ihm schien es damals so: sie wechseln die Tonart, aber was sie zu sagen haben, daran ändert sich nicht viel. Wenn Gitte nicht mitgegangen wäre, er wäre nicht in die Beckerstraße gegangen. Aber sein Mißtrauen war schnell gewichen. Für eine "Stelle" der Kirche gaben die sich ganz schön lässig.

Sie gaben ihm noch eine Schrift mit: "Warum ich als Christ nicht Soldat sein kann." Er könne ja einmal darin lesen, wurde ihm gesagt. Für Gitte war alles schon gelaufen. "Prima, dann mußt du nicht so weit weg!" Für sie fuhr er schon behinderte Kinder zur Schule und half bei den Hausarbeiten. Und am Wochenende gab es keine Wache, und Manöver fielen auch aus.

Am Abend war Helmut Keulen dann doch wieder unsicher. Er las in der Schrift "Warum ich als Christ nicht Soldat sein kann." – "Ich kann als Christ; nicht Soldat sein, weil sich die Heilsbotschaft, an die die Feste des Kirchenjahres erinnern, nicht mit dem Kriegführen verträgt." So ging es Seite um Seite. Als er bei dem Satz angekommen war "Krieg ist die Selbstzerfleischung des Leibes Jesu Christi", warf er das Heft in die Ecke und steckte sich eine Zigarette an.