Von Gerhard Seehase

Geldscheine haben im internationalen Fußball den Effekt von fliegenden Teppichen, auf denen die Profis flugs von Land zu Land, von Klub zu Klub wechseln können. Der Ball ist rund, und er läßt sich, geschickt gekickt, in jede Richtung schießen. Wer gestern etwa für Köln, München oder Hamburg seine Tore schoß, kann sie morgen mit demselben guten Recht gegen Köln, München oder Hamburg erzielen.

Der Verein ist auswechselbar; die leistungssportlichen Mechanismen sind auf kalte Perfektion eingestellt und nicht auf Vereinsmoral. Ein Mann wie Paul Breitner, der zu Beginn dieser Saison von den Braunschweigern für mehr als eine Million Mark (von. Real Madrid) freigekauft worden war, hat für die norddeutsche "Eintracht" schon Monate vor Beendigung dieser Spielserie kaum noch ein gutes Wort übrig gehabt. Er ließ kaum eine Gelegenheit aus, in Zeitungsinterviews seinen Braunschweiger Mannschaftskollegen eine "amateurhafte Einstellung" zum Profisport zu bescheinigen. Trotzdem eroberte sich derselbe Mann, der Zwietracht in die Eintracht-Elf säte, die Herzen der Braunschweiger Fans durch überzeugende Leistungen.

Breitner verkörpert den Typ des modernen Fußballprofis, der sich seines Wertes auf den internationalen Fußballplätzen durchaus bewußt ist. Er kann es sich leisten, jene Stammtischsprüche ("früher kannte man noch echte Vereinstreue") vom Tisch zu wischen, weil er überdurchschnittliche Leistungen, gleichgültig in welchem Trikot, garantiert. Er kann es sich leisten, im Kreis seiner Kollegen sogar unsympathisch zu wirken. Der Erfolg gibt Paul Breitner recht. Das Leistungsbiest läßt sich "moralisch" millionenfach verdonnern, die Apostel haben die schwächeren Argumente.

Mit anderen Worten, es interessierte die Münchner oder die Hamburger überhaupt nicht, ob ein Paul Breitner bei der Braunschweiger Eintracht Zwietracht säte; er wurde an der deutschen Fußballbörse trotzdem zu Höchstpreisen gehandelt. Der FC Bayern machte das Rennen für eine Ablösesumme, die sich der Zwei-Millionen-Grenze näherte; und nun freut man sich an der Isar auf einen Spieler, der nach seinem Weggang vom FC Bayern vor vier Jahren mit großer Überzeugungskraft verkündete, er werde nie wieder in den Reihen der Münchner spielen.

Dieser Paul Breitner, der in der laufenden Saison schon sehr frühzeitig erklärte, Braunschweig wieder verlassen zu wollen, und der dabei mit Fingern auf seine Mannschaftskollegen wies, wird auch ohne Inanspruchnahme sportideologischer Motive auf der Umlaufbahn des Erfolgs in seiner neuen Umgebung der gut funktionierende Profi bleiben. Die Pioniere des Fußballs mögen darüber ihr Haupt verhüllen.

Seit Fußball hierzulande zum hochdotierten Beruf geworden ist (seit Einführung der Bundesliga im Jahr 1963), hat sich die soziale Mixtur im Teilnehmerfeld dieser Sportart entschieden gewandelt. Die Breitners, die kalt kalkulierenden Profis, stehen nicht nur auf dem Spielfeld, sondern auch am Verhandlungstisch ihren Mann. So wenig eine höhere Schulbildung für den Beruf des Fußballspielers verlangt wird, so wenig lassen sich Fußballtalente wegen ihrer höheren Schulbildung von diesem Beruf abhalten. Die Folge ist, daß der Markt, der einen raschen Umschlag von Idolen verlangt, von sehr cleveren Spielern bevölkert ist, die im Umgang mit Vereinsfunktionären ausgezeichnet zu pokern verstehen.