Von Alexander Mayr

Die 827 Firestone-Werker wollten die Nachnichtzuerst nicht glauben. Schließungdes Schweizer Reifenwerks in der Basler Vorortgemeinde Pratteln? Die hatten doch erst gestern noch in der Zeitung weiteres Personal gesucht. Doch dann folgte, als Spontanreaktion, ein eineinhalbtägiger Warnstreik, freilich helvetisch gemäßigt. Was in Arbeit war, wurde noch fertiggestellt: Die bereits angerollten Lkws wurden weiter beladen; die Energieversorgung blieb intakt.

"Man soll uns nicht vorwerfen können", so erläuterte ein Betriebsratsmitglied, "wir hätten unsere Arbeit vernachlässigt und dem Werk vorsätzlichen Schaden zugefügt." Den Firestone-Werkern kam es in erster Linie auf die Wirkung in der Öffentlichkeit an. Zudem mußten sie die Hiobsbotschaft erst einmal selbst verdauen.

Der Blitz war freilich nicht aus völlig heiterem Himmel niedergefahren; die Prattler Szene war schon länger stark bewölkt. 1973 hatte der damalige Minderheitsaktionär (25 Prozent) und Lizenzgeber Firestone Tire + Rubber Company in Akron/Ohio vom Hauptaktionär, der Schweizer Familie Daetwiler, die Mehrheit übernommen. Damals war Pratteln noch eines der bestflorierenden Firestone-Werke; mit 1450 Mitarbeitern wurden täglich zwischen 8500 und 9000 Reifen hergestellt – Pneus, wie die Schweizer sagen. Doch dann stellten sich Schwierigkeiten ein. Das Personal wurde nach und nach reduziert, die Verbliebenen mußten Haare lassen. Mit der Drohung weiterer Entlassungen hatte die Geschäftsleitung dem Betriebsrat immer neue Opfer abgerungen – Kurzarbeit, Lohnkürzungen und den Verzicht auf das 13. Monatsgehalt. Vor Jahresfrist erklärte dann die Direktion, eine Schließung des Werks sei nur durch einen weiteren Personalabbau zu umgehen, dann aber habe der Betriebsrat Ruh’.

Der biß nochmals in den sauren Apfel und unterschrieb 59 Entlassungen. "Der Betrieb wäre sonst vielleicht schon letztes Jahr geschlossen worden", verteidigt der Betriebsratschef Hans Griner, "und man hätte die Schuld den Gewerkschaften mit ihren ‚unvernünftigen‘ Forderungen in die Schuhe geschoben." Denn bereits damals wollten die "Progressiven Organisationen Schweiz" (POCH), eine ultralinke Splitterpartei, von Schließungsvorbereitungen für das Prattler Werk gehört haben.

"Alles Quatsch", konterte die Geschäftsleitung. "Es bestehen keine Pläne zu einer Einstellung der Produktion und zur Umwandlung in eine reine Verkaufsorganisation", verkündete der werkseigene Pressedienst. Doch genau das, was damals dementiert wurde, soll jetzt Ende Juli geschehen. "Ein infames Täuschungsmanöver, ein lügenhaftes Verhalten der obersten Leitung dieses multinationalen, amerikanischen Konzerns", donnert denn auch Peter Vonlanthen, der Sekretär der Gewerkschaft Chemie, Textil, Papier (GCTP), der die meisten der sich jetzt verschaukelt fühlenden Firestone-Mitarbeiter angehören.

Was die Eidgenossen den Amerikanern vor allem ankreiden, ist ihr "brutal kaltschnäuziges Vorgehen (Tages-Anzeiger) bei der Bekanntgabe der Schließung, die vom Hauptsitz in den USA verfügt worden war, und von der selbst der Schweizer Firestone-Generaldirektor John Reid Thompson erst am Vortag erfahren haben will. In offenbar völliger Unkenntnis helvetischer Gebräuche orientierte sich die Konzernzentrale der Einfachheit halber an amerikanischen Verhältnissen. Hire and fire, in den USA an der Tagesordnung, betrachten die Eidgenossen freilich etwa so wie das Wüten eines Elefanten in einem Porzellanladen. Und von einem Sozialplan, der in der Schweiz zwar nicht gesetzlich vorgeschrieben ist, in einem solchen Fall aber doch als das Minimum betrachtet wird, war erst gar nicht die Rede. Den, so war dann später zu hören, wolle man erst noch ausarbeiten. "Ein derartiges Vorgehen verstößt gegen die primitivsten Anstandsregeln", grollte der Schweizer Gewerkschaftsbund. "Die gehen über Leichen", beschwerte sich ein Firestone-Werker bei einem Reporter, "der Mensch zählt bei denen nichts, wir sind eine Nummer."