Doch für die Pioniere auf Zeit ist Sibirien noch immer nicht das "gesegnete" Land der Zukunft

Von Christian Schmidt-Häuer

Chabarowsk, im März

Alle sprachen vom Wettersturz in den sowjetisch-amerikanischen Beziehungen – Leonid Breschnjew nicht. Er ging mit der Transsibirischen Eisenbahn über eine Woche auf Ostkurs. Kein Zar und kein Sowjetführer hat je zuvor Sibirien einer so eingehenden Inspektionsreise unterzogen. Der nach einer asiatischen Grippe wiederhergestellte Breschnjew klapperte Fabriken ab, hielt seine Wange kahlschädeligen Lokalmatadoren und adretten Pioniermaiden hin, gab selber Handküsse auf frisch geweißten Bahnhöfen, fragte Arbeiter jovial nach Lohn- und Wohnbedingungen. Zusammen mit Verteidigungsminister Ustinow besuchte er Raketeneinheiten bei Nowosibirsk und Panzertruppen im ostsibirischen Gebiet von Tschita, 350 Kilometer Luftlinie von Peking entfernt.

Mit diesem Sibirien-Zug gibt der Kreml eine ganze Reihe innen- wie außenpolitischer Signale ab. Die Demonstration gegenüber Peking und auch gegenüber dem geplanten chinesisch-japanischen Freundschaftsvertrag ist offensichtlich. Erst jüngst hat China den sowjetischen Vorschlag zurückgewiesen, eine gemeinsame Erklärung über die Prinzipien der Beziehungen auszuarbeiten und auf einem Gipfel in Peking oder Moskau zu erörtern. China verlangte außerdem den Rückzug der fast fünfzig sowjetischen Divisionen aus dem Grenzgebiet und aus der Mongolei. Breschnjews strapaziöser Sibirien-Trip soll aber gleichzeitig auch den Amerikanern signalisieren: Zur Not können wir uns auf die eigenen Kräfte und gewaltigen Ressourcen verlassen.

Die demonstrative Aufmerksamkeit für Sibirien entspricht einer Trendwende im Kreml. Breschnjew versucht heute, weniger über die gebremste Westpolitik und mehr über innenpolitische Taten seinen Nachruf zu sichern. Die jetzt forcierte Erschließung Sibiriens ist in der Tat sein Werk. Vor vier Jahren hatte der Parteichef überstürzt den Bau der zweiten Transsibirischen Eisenbahn, der "Baikal-Amur-Magistrale" (BAM) durchgesetzt. Mit seiner Sibirien-Reise stellte er jetzt klar: Die Wachstums-Hoffnungen werden vom europäischen Teil der UdSSR nach Sibirien verlagert.

Doch dieses Ziel erfordert gewaltige Anstrengungen und ungewöhnliche Bedingungen. Nicht von ungefähr verlangte Breschnjew entlang der BAM bessere Wohnungen, Clubs und Schulen. Die sibirische Wirklichkeit ist rauh und menschenfeindlich.