Von Joachim Nawrocki

Berlin, im April Wie dünn die Führungsreserve der SED ist, zeigt sich jetzt wieder an der Nachfolgeregelung für das verstorbene Politbüromitglied Werner Lambert Nach dem Unfalltod von Lamberz, der im Sekretariat der SED für Agitation zuständig war, wurden einige westliche Journalisten in der DDR wegen ihrer eher wohlmeinenden Kommentare gerügt. Sie hatten darauf hingewiesen, daß mit Lamberz einer der wenigen intellektuellen und weltgewandten Spitzenmänner aus der ersten Reihe gerissen wurde. Die übrigen Mitglieder des Politbüros fühlten sich von diesen Urteilen anscheinend getroffen. Aber die Ernennung des bisherigen Chefredakteurs der Parteizeitung Neues Deutschland, Joachim Herrmann, zum Sekretär für Agitation und Propaganda bestätigte die Wertung der Journalisten. An die Notwendigkeit, den Bekanntheitsgrad und die ideologische Prägnanz von Lamberz kommt sein Nachfolger nicht heran.

Dennoch war an drei Fingern abzuzählen, wer dem schwer ersetzbaren Lamberz nachfolgen würde; Herrmann galt von vornherein als der aussichtsreichste Kandidat. Der Chefsessel im SED-Zentralorgan war schon öfter Sprungbrett für größere Aufgaben. Unter den Mitgliedern und Kandidaten des Politbüros war der 49jährige Herrmann der einzige, der für die Nachfolge in Frage kam. Alle anderen Politbüromitglieder sind entweder zu alt oder mit gänzlich anders gearteten Aufgaben betraut. Joachim Herrmann war zudem bereits im SED-Sekretariat für die Beziehungen zum "deutschsprachigen Ausland" zuständig, brauchte also nicht erst auf einer Tagung des Zentralkomitees zum Sekretär gewählt zu werden.

Immerhin wären zwei andere Lösungen möglich gewesen. Zum einen stand der Abteilungsleiter für Agitation im SED-Zentralkomitee, Heinz Geggel, bereit. Der 58jährige Geggel war unter anderem Intendant des Deutschlandsenders und Sekretär der Westkommission beim Politbüro. Er ist Altkommunist und hätte besonders durch seine Westerfahrung das Zeug gehabt, die Rolle eines Sonderbotschafters zu übernehmen, die Werner Lamberz von Honecker übertragen worden war. Die zweite, noch überzeugendere Möglichkeit wäre der 50jährige Hans Modrow gewesen, dessen Karriere sicher noch nicht ihren Zenit erreicht hat. Schon einmal hat er die Nachfolge von Werner Lamberz angetreten, als Leiter der Abteilung Agitation im SED-Zentralkomitee. Erst kürzlich wurde er zum 1. Sekretär der SED-Bezirksleitung Dresden ernannt; dieser Posten ist schon öfter der Ausgangspunkt für die Mitgliedschaft im Politbüro gewesen.

Aber das trifft auch auf Joachim Herrmann zu. Die Schnelligkeit, mit der wenige Wochen nach dem Hubschrauberunglück in Libyen, bei dem Lamberz ums Leben kam, ein Weggenosse Honeckers auf den freien Posten gesetzt wurde, widerlegt erneut die vielen Gerüchte, nach denen Honeckers Macht und Einfluß zurückgegangen seien. Der Aufstieg Joachim Herrmanns, bezeugt das Gegenteil. Er hat jetzt nicht nur die Aufgaben von Lamberz als Sekretär für Agitation, sondern auch noch die Funktion des 73jährigen Albert Norden als Sekretär für Propaganda übernommen. Mit Albert Norden hat nun wieder ein Mann, der unter Ulbricht seine besten Zeiten erlebte und nicht gerade als Honecker-Freund gilt, an Einfluß verloren.

Der Berliner Joachim Herrmann verdankt der Personalpolitik Honeckers bereits manche Beförderung. Seine journalistische Laufbahn hat er mit 17 Jahren als Boten junge bei der Berliner Zeitung begonnen, wo er nacheinander Volontär, Hilfsredakteur und Redakteur wurde. Im Jahre 1949 arbeitete Herrmann bei der Jugendzeitschrift Start, die lebhaft und intelligent gemacht war, sich gut verkaufte und als Sammelplatz für Intellektuelle galt. Dem damaligen FDJ-Vorsitzenden Honecker war diese Zeitschrift zu unabhängig; ihr Chefredakteur Arne Rehan kam aus der englischen Kriegsgefangenschaft und war Honecker allein schon deshalb verdächtig. So setzte Honecker bei Ulbricht die Einstellung der Zeitschrift durch. Den Stellvertreter Rehans, den damals 21jährigen Herrmann, übernahm Honecker in das FDJ-Zentralorgan Junge Welt.

Drei Jahre später avancierte Herrmann zum Chefredakteur des Blattes. Auch diesen Aufstieg hatte er Honecker zu verdanken. Der damalige Chefredakteur der Jungen Welt, Heinz Stern, Sohn eines Altkommunisten und aufgewachsen in der Sowjetunion, galt in den Augen des FDJ-Chefs Honecker als "zerstreuter Professor", und der Jugendführer machte aus seiner Abneigung gegen ihn keinen Hehl. Honecker legte ein "Sündenregister" an, und als es lang genug war, rückte Joachim Herrmann an die Stelle Sterns. Zehn Jahre danach wurde Herrmann 1962 Chefredakteur der Berliner Zeitung, dem meistgelesenen Blatt in Ost-Berlin.