Von Gisela Lindemann

Im Anhang ihres 1974 erschienenen vierten Gedichtbandes "Ohne Visum" hat die heute siebzigjährige Rose Ausländer zwanzig Prosastücke veröffentlicht, mit Ausnahme eines einzigen keines länger als fünfzehn Zeilen, einige sogar nur vier oder fünf Zeilen lang. Einer dieser Kürzesttexte ist überschrieben "Krokodiltränen". Er enthält auf knapp fünf Zeilen fünf Sätze, die sich auf den ersten Blick wie ein harmloser Spaß anhören: "Ich salze meine Suppe mit Krokodiltränen. Das Krokodil, ein Geburtstagsgeschenk, liegt in der Küche und weint, weil ich nicht koche, was es gern frißt: Menschen. Ich füttere es mit Literatur. Es verschlingt alles, was ich ihm vorlese, bis auf Gedichte. Lyrik findet es unverdaulich."

Zwei Jahre später, 1976, erschien ein umfangreicher Band mit gesammelten Gedichten der Autorin, der alle bis dahin erschienenen Gedichtbände (mit Ausnahme des ersten, 1939 erschienenen und verschollenen) enthält und dazu 100 neue Gedichte, darunter eines mit dem Titel "Reptil":

Die Zeit ein Reptil

hat mich gefressen

unverdaut liege ich

in ihrem langen Leib