Von Gisela Lindemann

Im Anhang ihres 1974 erschienenen vierten Gedichtbandes „Ohne Visum“ hat die heute siebzigjährige Rose Ausländer zwanzig Prosastücke veröffentlicht, mit Ausnahme eines einzigen keines länger als fünfzehn Zeilen, einige sogar nur vier oder fünf Zeilen lang. Einer dieser Kürzesttexte ist überschrieben „Krokodiltränen“. Er enthält auf knapp fünf Zeilen fünf Sätze, die sich auf den ersten Blick wie ein harmloser Spaß anhören: „Ich salze meine Suppe mit Krokodiltränen. Das Krokodil, ein Geburtstagsgeschenk, liegt in der Küche und weint, weil ich nicht koche, was es gern frißt: Menschen. Ich füttere es mit Literatur. Es verschlingt alles, was ich ihm vorlese, bis auf Gedichte. Lyrik findet es unverdaulich.“

Zwei Jahre später, 1976, erschien ein umfangreicher Band mit gesammelten Gedichten der Autorin, der alle bis dahin erschienenen Gedichtbände (mit Ausnahme des ersten, 1939 erschienenen und verschollenen) enthält und dazu 100 neue Gedichte, darunter eines mit dem Titel „Reptil“:

Die Zeit ein Reptil

hat mich gefressen

unverdaut liege ich

in ihrem langen Leib

halblebend halbtot

Das träumte mir

als ich mit Josef

im Kerker lag

Die Magerzeit liegt mir

im Magen

Josef ist tot

sein gespeicherter Weizen

ergießt sich

ins Tote Meer

Nichts mehr hier von Geburtstagsgeschenk, von Krokodil- oder Kindertränen, vom gehorsamen Sichfügen ins Unvermeidliche, vom Vorliebnehmen mit Worten statt Menschenfleisch, mit der greinenden Kinderrolle. Am Ende frißt das Reptil eben doch Unverdauliches: seine Scheherazade, seine singende Metter samt ihrer Lyrik: jedenfalls im Gedicht. Und innerhalb des Gedichts im Traum, diesem Katalysator der Lebensangst.

Sie ist das Thema der Lyrik von Rose Ausländer; mit Gründen, die, wie bei Paul Celan (der gleich ihr aus Czernowitz kam), bei Nelly Sachs oder Hilde Domin, zu allererst im Biographischen zu suchen sind. Wie jene gehört sie zu den Überlebenden der Judenmorde im Dritten Reich, das sie, jahrelang mit ihrer kranken Mutter im Keller versteckt, in Czernowitz überlebte, dieser entlegenen osteuropäischen Stadt im nordöstlichen Vorland der Karpaten, Hauptstadt der Bukowina, die ehemals Kronland der österreichisch-ungarischen Monarchie war, seit 1918 rumänisch, seit 1944 Teil ist der ukrainischen Sowjetrepublik. Bis dahin war hier die Umgangs- und Kultursprache nicht nur, sondern auch die Muttersprache des größten Teils der Bevölkerung die deutsche.

„Czernowitz war eine Stadt von Schwärmern und Anhängern“, schreibt Rose Ausländer in ihren nur wenige Seiten umfassenden, 1977 zum erstenmal veröffentlichten Erinnerungen an eine Stadt“. „Es ging ihnen, mit Schopenhauers Worten, um das Interesse des Denkens, nicht ‚um das Denken des Interesses‘. Die orthodoxen Juden waren Anhänger, ‚Chassidim‘ des einen oder anderen .heiligen’ Rabbi. Die Dinge der praktischen Lebensfürsorge waren ihnen unwichtig. Viele von ihnen hatten keinen Beruf, sie wurden von ihren Frauen erhalten, die stolz darauf waren, einen ‚Gelehrten‘ zum Mann zu haben, sie ‚lernten‘ ein Leben lang aus den ‚heiligen Büchern’ und lauschten beseligt den weisen Worten ihres Rabbi. Die assimilierten Juden und die gebildeten Deutsehen, Ukrainer, Rumänen waren ebenfalls Anhänger: von Philosophen, politischen Denkern, Dichtern, Künstlern, Komponisten oder Mystikern. Karl Kraus hatte in Czernowitz eine große Gemeinde von Bewunderern; man begegnete ihnen, die ‚Fackel‘ in der Hand, in den Straßen, Parks, Wäldern und an den Ufern des Pruth. Ein glühender Krausianer, nach dem letzten Krieg Universitätsdozent in New York, zeigte mir einmal ein Heft der .Fackel’ mit den Worten:,Sehen Sie sich das an, ist das ‚K‘ nicht der schönste Buchstabe im Alphabet?’“

In dieser Atmosphäre ist Rose Ausländer aufgewachsen, umgeben von Büchern, getränkt von der Lektüre der deutschen Klassiker, hat das Lyceum besucht und danach Literatur und Philosophie studiert, größere Essays geschrieben über Spinoza, Platon, Freud, die alle verschollen sind, hat 1939 ihren ersten Gedichtband veröffentlicht, „Der Regenbogen“, mit etwa achtzig Gedichten, aber die Auflage wurde im Krieg vernichtet, der Verleger nach Kriegsende nach Sibirien deportiert, und von dem Band fehlt bislang jede Spur.

Am Ende der Katastrophe gehörte Rose Ausländer zu den sechstausend Überlebenden von ursprünglich sechzigtausend jüdischen Bürgern in Czernowitz; der Familienbesitz war aufgebraucht, Familiendokumente, Briefe, Tagebücher, Manuskripte verlorengegangen; doch die ersehnte Befreiung von Hitlers Schergen durch die sowjetischen Truppen brachte alles andere als den Himmel auf Erden, so daß sie noch 1946, mit nahezu vierzig. Jahren, nach Amerika emigrierte. Bis 1963 arbeitete sie in New York als Sekretärin, Korrespondentin, Übersetzerin, seit 1965 lebt sie in der Bundesrepublik, in einem jüdischen Altersheim in Düsseldorf: zurückgekehrt in keine Heimat, sondern in ein Land, in dem die Sprache ihrer Gedichte gesprochen wird, in eine Stadt, in der es Freunde aus der Heimat gab.

Kann einer ermessen, wieviel Leid und Entfremdung und wieviel begründete Angst in einer solchen Biographie beschlossen liegt? Kann der „normale Leser“ von Texten, die um solches kreisen, die Lichtjahre der Entfernung je einholen? Diese Frage ist implizit im Zusammenhang mit den Gedichten der Nelly Sachs oft gestellt worden, und ihr lag der Verdacht zugrunde, diese Texte würden überschätzt aus Wiedergutmachungsgründeh. Ein Gleiches oder Ähnliches könnte Rose Ausländer widerfahren, und ebenso sehr zu Unrecht. Denn eine solche Erwägung hat nichts mit literarischen Kriterien zu tun, sondern mit einer psychologischen Schwelle im Vorfeld der Wahrnehmung von Texten. Der nächste Schritt wäre der auf die Texte zu. Und da ließe sich dann fragen, um ein eklatantes Beispiel zu nehmen: Ist Solschenizyns „Archipel Gulag“ literarisch triftiger als Kafkas atemberaubende kurze Erzählung „Eine kleine Frau“, diese anatomische Beschreibung eines gegenstandslosen Verdachts? Kafka hat die Bösartigkeit des Banalen in einem einzigen kaum greifbaren Fall unter die Lupe genommen, Solschenizyn die manifesten Fälle gehäuft. Das Interesse der Schreiber ist anders, die Qualität der literarisch bezeugten Verbrechen aber dieselbe. Wie lange hat es gedauert, bis die Judendeportationen als Katastrophe wahrgenommen wurden? Werden nicht unentwegt die kleinen Schritte, die die großen Veränderungen einläuten, heruntergespielt, geleugnet?

Die Gedichte der Rose Ausländer stehen in der Nähe von Kafkas „kleiner Frau“. Die Entwicklung ihrer Lyrik in den letzten Jahren zeigt, daß die Angst kein abgeschlossenes Kapitel ist, daß die Leidensgeschichte sich jederzeit, in anderen Verkleidungen, auch noch banaleren, wenn es das gibt, wiederholen kann. Ihre Gedichte reagieren nicht mehr auf Vergangenheit, sondern auf die Gegenwart, der die Angst vor der Wiederholung vergangener Schrecken eingewurzelt ist. Daraus resultiert eine hochgespannte Aufmerksamkeit, die in ihren Gedichten Niederschlag findet: als sprachliche Genauigkeit.

Im Traum hat „Die Zeit ein Reptil“ das lyrische Ich verschlungen, aber noch dort ist es „halblebend, halbtot“; und erwachend findet es sich in einer langen Geschichte vor: „Das träumte mir / als ich mit Josef / im Kerker lag“ Das Erfolgsgeheimnis von Jakobs, von „Israels’, des Gottesstreiters Lieblingssohn im bunten Rock ist nicht mehr durchschlagend: die sieben fetten Jahre sind eben doch von den sieben mageren aufgezehrt worden, wie es einst Josef, als Traumdeuter aus dem Kerker geholt, dem Pharao geweissagt hatte. Seine klugen Maßnahmen dagegen konnten auf die Dauer das Schlimmste nicht abwenden: „Die Magerzeit liegt mir / im Mayen / Josef ist tot / sein gespeicherter Weizen / eigießt sich / ins Tote Meer.“ Und hatte nicht schon Josef, der Begnadete des Stammes Israel, auf dem Totenbett in Ägypten geweissagt: „Ich sterbe, und Gott wird euch heimsuchen“ und befohlen: „Wenn euch Gott heimsucht, so führet meine Gebeine von dannen?“

Und doch sitzt da, auch in der Fremde, ein Mensch und schreibt, im Angesicht dieses seit Jahrtausenden geweissagten Leides, Gedichte – Gedichte nach Auschwitz. Läßt sich ein auf Josefs alte Paradoxie: „Und Gott wird euch heimsuchen und aus diesem Land führen in das Land, das er Abraham, Isaak und Jakob geschworen hat.“ Schreibt Gedichte wie dieses, unverdaulich glücklicherweise für das Krokodil in der Küche, überschrieben „Biographische Nctiz“: ein Scheherazade-Gedicht im reinsten Sinne des Wortes, nämlich dem, ums Leben zu erzählen:

Ich rede

von der brennenden Nacht

die gelöscht hat

der Pruth

von Trauerweiden

Blutbuchen

verstimmtem Nachtigallsang

vom gelben Stern

auf dem wir

stündlich starben

in der Galgenzeit

nicht über Rosen

red ich

Fliegend

auf einer Luftschaukel

Europa Amerika Europa

ich wohne nicht

ich lebe