Die Stadt Bologna – von den Italienern die "Blume im Knopfloch" der Kommunistischen Partei genannt, die die Stadt regiert – die Stadt Bologna und ihre Umgebung werden kulturell von zwei gegensätzlichen Tendenzen gekennzeichnet, die selten zu Konflikten führen, sondern sich eher als komplementäre Größen darstellen.

Auf der einen Seite gibt es die zentralen Veranstaltungen in den renommierten, anerkannten Kulturkathedralen, groß und kostspielig. Auf der anderen Seite gibt es das verwickelte und manchmal etwas improvisiert wirkende Netz, der sogenannten kulturellen "Dezentralisierung": Veranstaltungen innerhalb eines Bezirks für diesen Bezirk mit all seinen Besonderheiten und besonderen Bedürfnissen. Das Faszinierende an Bologna ist, daß man allerorts über diese Veranstaltungen stolpert. Es gibt sogar eine ganze Stadtbehörde, deren Aufgabe darin besteht, sie zu koordinieren – aber die Information über die Veranstaltungen geht gewöhnlich erst drei Wochen, nachdem sie stattgefunden haben, ein. So verraten einem Handzettel, daß der Bezirk Colli eine Konzertreihe über Aspekte der mittelalterlichen, der Renaissance- und Barockmusik in seinem Kulturzentrum, Via Alamandini 2 a, organisiert hat, jeden Donnerstag abend um 21 Uhr, Eintritt frei. Sie verraten einem sogar, mit welchem Bus man am besten hinkommt, und das Ganze ist ebensosehr eine Gelegenheit zum geselligen Beisammensein wie zum Anhören von Musik.

Oder es wird von März bis Mai gleichzeitig in Modena und Bologna eine Serie von Filmen gezeigt, zusammengestellt von der Stadtverwaltung, der regionalen Theatergesellschaft und einem Universitätsinstitut, unter dem Titel "Das Theater zwischen Anthropologie und Avantgarde" – fron besonderem Interesse für alle, die die jüngsten Entwicklungen im Verhältnis zwischen Theater und Film verfolgt haben. Höhepunkte der Reihe sind am 10. April die Aufführung von Mario Riccis "König Lear"-Film, am 17. April die von Giancarlo Nannis "A come Alice" (A wie in Alice), von seiner Truppe Teatro della Fede unter seiner Regie gespielt, und am 19. April von Cecchis "Il bagno" (Das Badezimmer), einer von Ugo Gregoretti verfilmten Inszenierung der Compagnia di Gran Teatro. Der Zyklus wird am 24. und 26. April sowie am 3. Mai fortgesetzt, um am 8. Mai mit der Cooperativa Tuscolano und dem offenbar allgegenwärtigen Luca Ronconi zu enden: mit der "Orestie", von Ronconi inszeniert, von Marco Parodi verfilmt. Schließlich wird noch eine Filmanalyse des Ronconischen Prato-Theaterlaboratoriums gezeigt, für die Miklos Jancso als Produzent und Regisseur verantwortlich ist. (Jedes Programm gibt es zweimal, um 18 und 21.30 Uhr, im Circolo della Stampa, Via Galliera 8.)

Einen Geschmack (das Wort steht hier nicht zufällig) von der lebensprallen Seite der umliegenden Emilia Romagna erhält man derzeit auch in Parma: Hier spielt die Compagnia del Collettivo unter der Regie von Bogdan Jerkovic "Gargantua". Das Leben des Rabelaisschen Riesen, des Propheten weltlicher Freuden und erfüllter Gelüste. findet räumlich in einem riesigen Mund und Magen statt, die mit hyperbolischem Realismus die gesamte Bühne umfassen und das Publikum in ihr schmerzvolles Grollen einbeziehen. Gargantua verkörpert ein Jahrtausend volkstümlicher Komik, die Wörter und Masken des mittelalterlichen Buffone, die Formen karnevalistischer Feiern zusammen mit einer humanistischen Welt der Wissenschaft und eine politische Erfahrung, die sich gegen den Übermut der Ämter richtet. (Vom 22. bis 29. April, 21 Uhr, im Teatro Due, Viale Riccione, Ferrara.)

Was Angriffe gegen den Übermut der Ämter betrifft: Am 22. April werden im Palazzo della Pilotta in Parma zwei parallele Ausstellungen der beiden subtilsten und bissigsten politischen und satirischen Karikaturisten eröffnet, organisiert von dem Kommunikationsstudienzentrum und dem Universitätsarchiv: Alfredo Chiappori und das Paar Tullio Pericoli und Emanuele Pirella. Politiker, Bürger und Institutionen treten da schrecklich nackt zutage – das Vergrößerungsglas der Satire läßt nichts unentdeckt, verschont niemanden. (Von 10 bis 13 und von 15.30 bis 19.30 Uhr; die beiden Kataloge sind gleichzeitig die ersten beiden vollständigen Sammelbände für das Werk dieser gnadenlosen Sezierkünstler.)

Caterina Singleton