Unter den deutschen Worten, die unverändert ins Französische übernommen wurden, so daß sie einen Bestandteil dieser Sprache bilden, hat man früher immer "heimatlos" genannt. Ein Mensch, der heimatlos war, konnte kein Franzose, er mußte ein Deutscher sein. "Heimatlos" – ein deutscher Zustand. Und deshalb unübersetzbar.

Unübersetzt blieb auch "Leitmotiv", jener Begriff, der auf Richard Wagner zurückgeht, jedoch im Französischen wie im Deutschen nicht nur als Prinzip einer Partitur, sondern eines ganzen Lebens verwendet werden kann.

Wie die Russen mit dem Sprichwort "Die Deutschen haben den Affen erfunden" unsere Geschicklichkeit kennzeichnen, haben die Franzosen das Wort "Ersatz" in ihren Sprachgebrauch eingehen lassen. Ersatz muß nichts Minderes, sondern kann etwas Pfiffiges bedeuten.

Es gibt freilich Beispiele genug auch dafür, daß deutsche Worte, die in die französische Sprache übernommen wurden, eine üble Bedeutung haben. Eine "Wache" ("une vache") ist nichts Gutes. Ein Schlag ("un schlague") auch nicht. Besser ist es um "Weltahschauung" bestellt. Und sehr angesehen, modern und wichtig ist heute das Wort "Selbstdarstellung".

In den Nächten, die gewöhnlichen Wochentagen folgen, gibt es von zwölf bis ein Uhr atf "Europa Eins" die Sendung "Ligne ouverte". Dort rufen allerlei Menschen an. Der Mann am Telephon und Mikrophon, Gonzagne Saint Bris, läßt sich den Vornamen sagen und fordert die Anrufenden auf: "Worüber willst du sprechen?" Nur selten kommen Themen zur Sprache, die "aus dem Rahmen fallen", etwa Klagen eines Homosexuellen über das Unverständnis der Mitwelt.

Saint Bris protzt nicht mit psychologischem Wissen, er hat Treuherzigkeit in der Stimme. Er braucht nicht viele Vorte, um die Anrufer zum Sprechen zu bringen. Der eine erzählt von einer Reise nach Irland und was er dabei empfand. Der andere von Beobachtungen in der U-Bahn, Was die meisten reden, ist nach allgemeiner Ansicht nicht der Rede wert, nicht was gesagt wird, ist wichtig, sondern daß gesagt wird.

Es sind die Einsamen vornehmlich der Großstadt, die in allem Gedränge, umgeben von Menschen, nicht zu Wort. kommen und auch oft nicht ansprechbar sind. Sie haben ihre Erlebnisse, große und kleine, in sich aufgespeichert und wissen nicht, wohin damit. So arrangieren sie durch Vermittlung von Psychologen und unter deren Leitung Aussprache-Abende, an denen sich Menschen beteiligen, die nur flüchtig miteinander bekannt sind. Und so wenden sie sich vor allem an Monsieur Saint Bris und tun das Notwendige: Sie sprechen sich aus, sie stellen sich selbst dar. Was vor Jahren Walther von Hollander beim Norddeutschen Rundfunk für viele Anrufer war: kein Beichtiger, sondern ein verständnisvoller Zuhörer – eine Sendung, die heute Erwin Marcus fortsetzt –, ist nun Saint Bris für die Hörer von "Europa Eins", der bei anderen Sendem wiederum Nachahmer fand.

Und weil wohl dies Beispiel aus Deutschland kam und weil Deutsch ja überhaupt ursprünglich die Sprache der Psychologie ist, hört man mitten im Jargon der jungen Franzosen ein neues, aber schon ganz geläufiges Wort: Il faut absolument que je fasse encore une fois ma petite selbstdarstellung. Tu viens avec moi? O.k?" – "Das Leben kotzt mich an. Ich muß unbedingt mal wieder meine kleine Selbstdarstellung machen. Kommst du mit? O. k.?"