Ein Buch – zwei Leser: Ist dies die neue Formel für die Ausleihe von Büchern in öffentlichen Bibliotheken der Bundesrepublik Deutschland? Steht – wie das "bucklicht Männlein" des Kinderlieds – immer schon ein anderer am Büchertisch, wenn wir unseren Namen in die Leseliste einer Bibliothek schreiben? Es ist der Dunkelmann vom Verfassungsschutz. Achtung, "Freund" liest mit.

Ist doch etwas dran an den seit einem Jahr immer häufiger erhobenen Vorwürfen von Bibliothekaren, der Verfassungsschutz \werte die Leselisten "verdächtiger" Bürger aus, um von entliehenen Büchern auf die Gesinnung der Leser zu schließen? Das Themenheft von "Buch und Bibliothek", der Fachzeitschrift des Vereins der Bibliothekare an Öffentlichen Bibliotheken, "Zensur? Bibliothek und Strafgesetz" (10/1977); das Rundschreiben 1978/1 des "Vereins der Diplombibliothekare an Wissenschaftlichen Bibliotheken" (VDB); die erschreckenden Beispiele für Gesinnungsschnüffelei und Denunziantentum in Anton Andreas Guhas Reportage ("Frankfurter Rundschau", 30. März) – die Phantasie der Verteidiger bürgerlicher Freiheit, die 1975 vor den aus Angst neu formulierten Gummiparagraphen 88 a und 130 a des Strafgesetzbuches (Verfassungsfeindliche Befürwortung von Straftaten) gewarnt haben, wird von der Wirklichkeit des Jahres 1978 übertroffen: "Es mehren sich die Anlässe, die befürchten lassen, daß einer faktischen Einschränkung der Garantie des Artikel 5 des Grundgesetzes (,Eine Zensur findet nicht statt’) der Weg bereitet wird", klagt der VDB in seiner Dokumentation die als "Diskussionsgrundlage" zur Vorbereitung des Bibliothekskongresses vom 16. bis 20. Mai in Stuttgart gedacht ist, wo eine öffentliche Diskussion über "Zensur und Selbstzensur" stattfinden soll. Wer, um die bekannt gewordenen Fälle zu recherchieren, mit Bibliotheksleuten spricht, bekommt eine Bestätigung auch für den Satz des VDB, behördliche und gesetzgeberische "Maßnahmen fördern schon jetzt eine schleichende Selbstzensur": Dies sei nur die "Spitze eines Eisberges", erfährt man – mit der Bitte, den Informanten nicht zu nennen...

In dem Rundschreiben heißt es, "daß das Grundrecht der Meinungs- und Informationsfreiheit nach Artikel 5 des Grundgesetzes den Bibliothekar im Falle der Paragraphen 88 a und 130 a kaum vor Strafe schützen würde". Welcher Beamte muß da nicht Angst bekommen: Als Bibliothekar zur "Verbreitung" von Schriften verpflichtet, wird ihm eben diese "Verbreitung" zur Last gelegt, wenn er "Schriften" aus dem Magazin holt, die "rechtswidrige Taten befürworten". Das kann aber heute ein Roman von 1930 sein (Adam Scharrer: "Vaterlandslose Gesellen"), morgen die Dokumentation über ein Attentat in Chicago 1886 ("Haymarket").

Die schleichende Aushöhlung bürgerlicher Freiheit entwickelt sich zur galoppierenden Zertrümmerung des Grundgesetzes. Was jetzt passiert, ist ein Anschlag nicht auf grundgesetzlich garantierte Freiheiten, sondern auf Kopf und Herz der Bundesrepublik: Ein Staat, der seinen Bürgern in den Schädel schaut, um rauszukriegen, was da gedacht wird, darf sich nicht wundern, wenn sich zu seiner Verteidigung keine Hand rührt. Wer mit Angst vor späterer Inquisition in die Bücherei kommt, geht bald nicht mehr hin. Wer beim Lesen zittert, schlägt bald kein Buch mehr auf. Ein Volk, das geistige Abenteuer ächtet, braucht nicht darauf zu warten, daß ihm andere das Fell über die Ohren ziehen: Es setzt sich die Schlafmütze obrigkeitshöriger Verblödung selber auf.

Der Fortschritt in Deutschland ist unaufhaltbar: "Ich bin vom Amt, und wir lieben das nicht, daß der Mensch frei ist. Sie denken bei der Nacht über das nach, was sie beim Tag gelesen haben." So der Dramatiker Nestroy im Jahr 1848. Der Titel seines Stückes ist, noch immer, aktuell: "Freiheit in Krähwinkel".

Rolf Michaelis