Die Zeiten, in denen Jugendbücher "schöne Aussichten" und schicke Berufe als Zukunftsperspektiven anbieten konnten, sind fürs erste vorbei. Jugendliteratur, wenn sie diesen Begriff ernst nimmt, kann sich angesichts der gegenwärtigen Situation eines Großteils der Jugendlichen nicht mehr nur als pädagogisches Hilfsmittel, das heißt als vordergründiger Mutmacher in die Pflicht nehmen lassen. Ein Band mit dem Titel –

"Morgen beginnt mein Leben", 16 Autoren schreiben zu diesem Thema, hrsg. von Jo Pestum; Arena Verlag, Würzburg; 151 S., 13,80 DM

darf daran gemessen werden, inwieweit er der Versuchung erliegt, wohlfeile Rezepte zu liefern.

Von den 16 Geschichten bietet nur eine ein Happy-End an. In Volker W. Degeners "Ein Star wird geboren" sieht ein Mädchen ein, daß Drogistin doch besser zu ihr paßt als Bühnenflitter. Es ist – neben einer unnötigen Klamotte von Josef Reding – die schwächste Geschichte des Bandes, denn sie spart aus, was die anderen Beiträge sorgfältig registrieren: ein Klima der allgemeinen Ziellosigkeit, das die Verletzbarkeit der 14- bis 17jährigen noch verstärkt und den Wunsch nach Fluchtpunkten entstehen läßt.

Hoffnung ist ein durchgängiges Gefühl in diesem Buch. Etwas zu allgemein und gelegentlich nah am Kitsch bei Achim Bröger ("Glück, wenigstens ein bißchen"), prägnant in einem knappen Text von Uwe Natus: die lebensnotwendige Hoffnung darauf, daß es irgendwo einen gibt, der für einen da ist, obwohl einem die Wirklichkeit ständig das Gegenteil beweist.

Was bedeutet es heute für einen Jugendlichen, den "Schritt ins Leben hinaus" zu tun? Für einen "abgebrochenen" Gymnasiasten, daß freie Berufswahl in der Provinz bedeuten kann, Hilfsarbeiter in der einzigen Fabrik am Ort zu werden (Michael Krausnick: "Ende einer Zukunft"). Für einen Vorbestraften, "daß man kein neues Leben anfangen kann, wenn man das alte überall mitnehmen muß" (Wolfgang Gabel: "Strafe muß sein"). Für ein Mädchen, das Berichte über die täglichen Katastrophen der Welt sammelt: "Sie sah in eine Ferne, in der sich nichts erkennen ließ" (Christof Gahl: "Zum Beispiel die Jungfrau von Orleans").

Seit 1973 hat sich die Zahl der Suizide bei Jugendlichen verdoppelt. Drei Texte am Ende des Buches reflektieren diese letzte Konsequenz, Renate Welsh eher konventionell, Ina Fritsch dagegen auch literarisch kompromißlos. Am verblüffendsten aber ist die Geschichte von Nortrud Boge-Erli, in der die jüngsten Sterbeerkenntnisse zu einer neuen Sehnsucht werden.

Ein weiterer wichtiger Band in der Reihe "Neue Texte für junge Leute", der außerdem noch eine Dokumentation (Werner Hewig) mit Aussagen Jugendlicher enthält, die beweist, daß hier nicht nur berufsmäßige Miesmacher ihr pessimistisches Mütchen gekühlt haben. Ein ehrliches Buch, und man kann nur hoffen, daß es Leser findet, die bis zum Schlußappell des Herausgebers Jo Pestum aushalten: "Was soll’s! Die Tage, die jetzt kommen, werden meine Tage sein. Morgen beginnt mein Leben ... Da muß man doch was ändern können." Rudolf Herfurtner