Von Hans-Jürgen Heise

Eduardo Galeano ist Uruguayer, und sein Roman spielt in einem Land, das viel Ähnlichkeit mit seiner Heimat besitzt. Doch zugleich hat das Buch auch Beispiel- und Verweisungscharakter, denn was in ihm geschildert wird, gehört in fast allen Ländern Lateinamerikas zur täglichen politischen und polizeilichen Praxis: "Die Zelle war so niedrig, daß ich mich nicht hinstellen konnte, ohne den Kopf einzuziehen. Sie stank noch mehr als der Schlachthof, und Luft gab es darin so viel wie in einem Sarg."

Galeano, der schon in seinem Essayband "Die offenen Adern Lateinamerikas" vehement auf die Unterdrückung und Ausbeutung seines Subkontinents von den Tagen der spanischen Conquista bis heute hingewiesen hat, tritt nun auch in der Kunstform des Romans als Anwalt der Menschenrechte auf – dadurch, daß er ihr völliges Fehlen quälend deutlich macht –

Eduardo Galeano: "Wenn die Erde aufsteigt", Roman, aus dem Spanischen von Klaus Dieter Vervuert; Luchterhand Verlag, Darmstadt/Neuwied, 1978; 205 S., 28,– DM.

Ein Ensemble von Figuren, von denen einer jeden paradigmatische Bedeutung zukommt, weil sie für ungezählte Leidensgenossen einsteht, wird zum Träger eines kollektiven Schicksals, das mit Begriffen wie Gesinnungsterror, illegale Haft oder Folter- und Mordjustiz ebenso nüchtern wie zutreffend gekennzeichnet ist: "Alle seine Nerven hingen in der Luft... Du bist allein, alle haben gesungen, wir wissen, daß du was weißt, wir wissen alles, du bist allein wie ein Hund ... Für dich gibt’s keinen Ausweg, sieh das ein, sing endlich, wer sie sind, wie viele, Namen, wir wollen Namen, hör zu, rede, laß dich nicht umbringen, pack aus, du Hurensohn..."

Um zu zeigen, was für eine lange schlimme Tiradition die torturhafte Behandlung andersdenkender Menschen in Lateinamerika hat, montiert Galeano in den Kontext seiner Geschichte Zitate aus zwei Dokumentationsbänden, in denen J. T. Medina am Ende des 19. Jahrhunderts die Methoden der spanischen Inquisition in Peru und in den La-Plata-Besitzungen nachwies. Durch dieses Collage-Verfahren wirkt die Realität im republikanischen Südamerika unserer Zeit wie eine direkte Fortsetzung kolonialer Praktiken; und so belegt Galeanos Roman mit künstlerischen Mitteln die Richtigkeit der Sätze, die am Schluß des Buches "Die offenen Adern Lateinamerikas" als Fazit jahrhundertelanger Ausplünderung und Erniedrigung stehen: "Der nationale Kampf Lateinamerikas ist vor allem ein sozialer Kampf. Damit Lateinamerika neu geboren werden kann, wird es vonnöten sein, zunächst seine Herren, Land um Land, zu stürzen."

Nachdem der in Montevideo geborene Autor 1973 vor der Diktatur in Uruguay zunächst nach Argentinien hatte ausweichen können, sah er sich nach dem Putsch von General Videla bald auch in Buenos Aires behindert und verfolgt. Und seit 1976 seine Zeitschrift "Crisis" verboten wurde, sieht er sich-außerstande, seine publizistische Aufklärungsarbeit fortzusetzen, die er in seiner Heimat schon für die Periodika "Marcha" und "Epoca" geleistet hatte.