Das SED-Zentralorgan "Neues Deutschland" veröffentlichte am 31. März eine Rede des österreichischen Bundeskanzlers Bruno Kreisky vom ersten Tag seines Staatsbesuchs in der DDR. Kreisky sagte unter anderem:

"Für den Beobachter ist die Entspannungspolitik wesentlich! bestimmt worden durch das neue Verhältnis zwischen den beiden deutschen Staaten, zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik. Ich möchte gerne diese Gelegenheit wahrnehmen, um Ihnen als Vertreter, der aus einem Staat kommt, dessen Menschen immer wieder durch Kriege und Zerstörungen leidgeprüft waren, zu sagen, wie groß die Verantwortung ist, die heute die führenden Männer in beiden deutschen Staaten für die weitere Entwicklung der Entspannungspolitik tragen.

Dort, wo in Europa die Territorien der beiden deutschen Staaten einander berühren, dort wird in erster Linie über die Zukunft der Entspannungspolitik entschieden. Deshalb verbreitet sich auch immer dann, wenn es so scheint, daß es zwischen den beiden deutschen Staaten Spannungen gibt, überall in Europa eine gewisse Unruhe und Nervosität. Vielleicht sollten internationale Übung und internationale Höflichkeit es gebieten, dieses Thema nicht zu berühren. Ich für meinen Teil nehme aber das Recht in Anspruch, so wie sich jeder andere um die Zukunft unseres Kontinents Sorgen macht, darüber zu reden.

Ich möchte noch mehr sagen: Ich bin froh darüber, daß ich aus den Gesprächen, die ich heute mit Ihnen, Herr Vorsitzender, des Ministerrates der Deutschen Demokratischen Republik; führen konnte, den Eindruck gewonnen habe, daß Sie sich der großen Verantwortung, die es hier zu tragen gilt, im höchsten Maße bewußt sind.

Ich rede hier nicht, um gegen ein politisches Schicksal zu demonstrieren, aber ich kann nur sagen, daß dieses Schicksal sich in einem Europa der Entspannung ohne Zweifel leichter ertragen läßt als in einem Europa, das durch eine Demarkationslinie die Bündnisse und Gesellschaftssysteme so scheidet, daß daraus nur ein Spannungsfeld entstehen kann, das unabsehbare Konsequenzen hat..."