Von Peter Hamm

Die Hypothese heute plötzlich und zum ersten Mal, ob nicht der Geist vielleicht dann seine höchste Kraft gewinnt, wenn er vom Wahnsinn herkommt... Ob er sich nicht durch den Wahnsinn – die Wahnsinnsnähe genaugenommen natürlich nur – erfrischt wie in einem Bad; zu Instrumenten gehärtet wird durch das dort Glühende, die zu werden er sonst nicht vermocht hätte. Der gewöhnliche Mann oder ein Gelehrter kann darüber keinen Aufschluß geben, ich hätte Pascal fragen müssen. Valéry vielleicht auch. Interessieren würde mich auch, was Proust darüber dachte. Vielleicht wußte Nietzsche darum." Diese Sätze, die so selbstverständlichen Umgang nicht nur mit dem auch mit Geistesgrößen von Pascal bis Valéry suggerieren, müssen für jemandem der Ludwig Hohl, ihren Verfasser, nicht kennt, entweder als wirr oder anmaßend oder als beides zusammen erscheinen. Doch gibt es genug ernsthafte Kenner und Leser Hohls – darunter Autoren von Dürrenmatt und Frisch bis Heißenbüttel und Handke die in ihnen weder Verwirrung noch Überheblichkeit erblicken werden, weil sie nämlich erfahren haben, daßLudwig Hohls Werk tatsächlich höchste Vergleiche herausfordert und in seinen besten Teilen einen Hitzegrad erreicht hat, der ohne den Weg durch den Wahnsinn nicht vorstellbar ist.

"Hohl ist notwendig wir sind zufällig; wir dokumentieren das Menschliche, Hohl legt es fest", hat Friedrich Dürrenmatt über seinen Landsmann Hohl gesagt und mit diesem Urteil angedeutet, daß Hohls Werk in einem Bereich jenseits des bloß Literarischen angesiedelt ist, daß sich in ihm Philosophisches und Dichterisches nicht voneinander trennen lassen. Wahrscheinlich liegt es eben daran, daß Ludwig Hohl bisher beim normalen Lesepublikum, das doch vorwiegend immer noch auf erzählende Literatur, auf "Belletristik" abonniert ist, ein gänzlich Unbekannter geblieben, so etwas wie ein Schriftsteller für Schriftsteller geworden ist.

Er teilt dieses Los mit einigen anderen Gegenwartsautoren, deren Werk ebenfalls nicht eindeutig bestimmten Literatur-Genres zuzurechnen ist und vorwiegend Reflexionscharakter hat, also etwa mit dem in Siebenbürgen geborenen und in Paris lebenden E. M. Cioran oder mit dem in Petersburg geborenen und 1957 in Zürich gestorbenen Adrien Turel. (Fast überflüssig zu sagen, daß sich die Namen Hohl, Cioran und Turel im gerühmten Kindler-Literatur-Lexikon nicht finden.) Das Wort vom "Erfolgsstreik", das Turel einmal für sich geprägt hat, könnte ebensogut von Hohl sein, der bis vor kurzem – er ist über 70! – eine underdog-Existenz in einem Genfer Kellerloch führte (inzwischen ist er in den 1. Stock gezogen!), sich stets provozierend antibürgerlich aufgeführt hat und auf die "Illegalitat" eines jeden Denkens, das den Namen verdient, pocht: "Welcher Wissenschaft gehörte das an, was Freud entdeckte? Man wies es aus den konsekrierten Wissenschaften hinaus. Wissen und Entdeckung eines Kopernikus wies man aus den konsekrierten Wissenschaften hinaus. Es hätte nichts mit Wissenschaft mehr zu tun, sagte man, sondern es sei Lästerung. Die neue Wissenschaft wird illegal geboren (aus zwei früheren, deren Verbindung man nicht gestattet)... Und so ist es auch mit den Formen (der Kunst)... Auch die tragende Form wird immer illegal geboren!"

Es ist auffallend, daß vorwiegend auf Reflexion gerichtete Autoren, wie Turel und Hohl, fast immer bewußte, freiwillige Außenseiter, Verfechter der Illegalität sind, während jene, deren Existenz sich nicht anders als dichterisch ertragen läßt, etwa Robert Walser oder Kafka, unfreiwillige Außenseiter sind, unter ihrem Außenseitertum leiden und es gar als Schuld empfinden (die Sehnsucht nach der Legalität zog Walser nicht nur zu den Saaltöchtern der armen Beizen, sondern ließ ihn auch Trivialautoren wie Gerstäcker oder die Marlitt preisen, und sie ließ Kafka eine Felice Bauer, weil sie Schreibmaschine schreiben konnte, als den Inbegriff des Erstrebenswerten und Erhabenen erscheinen).

Der, unfreiwillige Außenseiter erleidet seine Zeit, der freiwillige fühlt sich ihr gegenüber als "Stratege" (um eine Lieblingsvokabel Turels zu zitieren) oder als "Zeuge" (wie Hohl sich gerne definiert). Nun, Zeugen sind sicher beide, der freiwillige wie der unfreiwillige Außenseiter, aber eben unfreiwillige und freiwillige Zeugen. Und natürlich lehnen die Zeitgenossen (** die mit der Zeit gehen) den freiwilligen den Strategen ab, ja, bekämpfen ihn, während sie den unfreiwilligen Zeugen, also das Opfer, gelegentlich gerne einmal hätscheln.

Es ist deshalb kein Zufall; daß viele von denen, die den Namen Hohl überhaupt schon kennen – es dürften vor allem Schweizer sein –, dennoch kaum etwas von ihm gelesen haben, sondern sich mit dem begnügen, was sie für "biographisch" halten: verwitterte, zerluderte Alkoholiker-Existenz, arm, aggressiv, anarchisch.