Berlin: "Carl Meffert/Clément Moreau"

Carl Meffert emigrierte auf der Flucht vor den deutschen Faschisten in die Schweiz, nahm dort das Pseudonym Clement Moreau an, mußte, weil er sich-auch in eidgenössischen Gefilden arbeiter- und kommunistenfreundlich verhielt, nach Argentinien auswandern, kehrte, als auch dort die Faschisten an Boden gewannen, zurück in die Schweiz. Heute arbeitet der jährige als Lehrer und Theaterzeichner in Zürich. Meffert/Moreau, dessen Œuvre hier unter dem Untertitel "Graphik für den Mitmenschen" präsentiert wird, ist ein engagierter, politischer Künstler, ein Antifaschist per excellence, der bei der Kollwitz lernte und auch bei Emil Orlik, der jedoch, ohne die versöhnende Geste der Karikatur und ohne den Kompromiß der Satire, sein politisches Engagement vorzeigt, wobei er sich weigert, das Etikett "Künstler" für sich in Anspruch zu nehmen. Er will eher als Kunstmacher von "Gebrauchtwäre" verstanden sein. Ein Mann, der politische Agitation betreibt, der die Wirklichkeit auf eine Weise betrachtet, die bewußt tendenziös die gesellschaftlichen Verhältnisse untersucht, ein Kunstmaler, der sich mit unverdeckter Sympathie auf die Seite der Unterdrückten schlug. Während etwa George Grosz nach einer Arbeiterdemonstration Arbeiter und schlagende Polizisten gleichermaßen karikiert, kommt auf Meffert/Moreaus Graphik den Arbeitern allein der Hauptpart zu. Die Bilder allerdings, die in Argentinien entstanden, sind keineswegs künstlerisch gleichwertig mit den Graphik-, zyklen, die Meffert zeitlebens schuf. Das politische Leitmotiv soll auch eine übersteigerte Schwarzweißmalerei vermeiden helfen: "Ich habe nie einen Kapitalisten gesehen, der als ein dicker Mann mit einem Messer im Mund und einem Zylinder auf dem Kopf auftrat", sagt Meffert/Moreau und: "Ich habe noch nie einen Arbeiter gesehen, der mit der Sichel und dem Hammer herumgelaufen ist." Seine politische Graphik führt auf eine Ebene, die als agitatorisch zu bezeichnen ist. In der Eröffnungsrede hat Rechtsanwalt Schily, Vorstandsmitglied der ausstellenden Berliner Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst, verwiesen auf den Widerspruch in der heutigen kulturpolitischen Situation, die zwar antifaschistische Kunstwerke der Vergangenheit zuläßt, die jedoch ähnlich engagierte Künstler der Gegenwart mit dem Verdacht der Verfassungsfeindlichkeit in die linke Ecke abdrängt und verhindert. Dieses Widerspruchs sollte sich bewußt sein, wer diese Ausstellung sieht. (Haus am Mariannenplatz, Bethanien, bis 30. April, Katalog 19 Mark)

Berlin: "Edvard Munch – der Lebensfries"

Edvard Munch wird hier gewissermaßen in der Nußschale präsentiert. Wie kaum je zuvor wird eine zeitlich begrenzte Periode seiner Arbeit intensiv beleuchtet und analysiert, in einer Ausstellung, die als klassisch schön bezeichnet werden kann. Diese Zeitspanne verband Munch mit Berlin, in ihr entstand sein großes Hauptwerk "Der Lebensfries", der, 1937 von den Nazis für "entartet" erklärt, heute mit acht großen Tafeln in der Neuen Nationalgalerie einen Schwerpunkt der Sammlung bildet. Kontrapunktisch dem berühmten Beckmann-Zyklus gegenübergestellt, schlägt er die Brücke vom 19. zum 20. Jahrhundert, Durch Leihgaben aus Essen und Oslo ist der Zyklus jetzt erstmals wieder so vollständig wie möglich zu sehen (von ursprünglich 22 Tafeln existieren nur noch 12). Zugleich wird hier seine komplizierte, lange Genese dokumentiert. Das erste Auftreten Munchs in Berlin, so wird zunächst erinnert, endete 1892 zwar mit einem Knall, als nach acht Tagen seine Ausstellung geschlossen wurde. Dennoch blieb Munch weitere Jahre in Berlin. Es entwickelte sich eine intensive Zusammenarbeit mit Max Reinhardt, der ihn beauftragte, für die Eröffnungsaufführung seiner neuen Kammerspiele mit Ibsens "Gespenster" die Bühnendekoration zu malen. Was dort als kongeniale Kooperation begann, wurde mit der "Hedda Gabler" fortgesetzt und fand seinen Höhepunkt mit dem Auftrag, für den großen Festsaal der Kammerspiele den "Lebensfries" zu malen. An Hand der Rekonstruktion des Saales im Modell sowie diverser Skizzen und Vorzeichnungen ist in dieser Ausstellung jene Frühform einer "Kunst am Bau" zu besichtigen, die gleichwohl nur fünf Jahre an ihrem vorbestimmten Platz blieb: Bereits 1912 wurde der Saal zum Büro umgebaut, der Fries kam in den Handel. Als er 1966 wieder angeboten wurde, hat der damalige kommissarische Leiter der Nationalgalerie, Stephan Waetzold, in erstaunlicher Spontaneität en bloc acht Tafeln erworben. Die beeindruckende Schönheit dieser expressiven Szenen von Leben und Tod, Liebe, Begierde und Melancholie, gemalt mit einem Pathos, das die Zeit damals noch kaum verkraftete, haben ihre Faszination nicht verloren. (Neue Nationalgalerie, bis zum 16. April, Katalog 18 Mark) Daghild Bartels

Wichtige Ausstellungen

Berlin: "Aspekte der 60er Jahre – Sammlung Onnasch" (Neue Nationalgalerie bis 23. April, Kai talog 18 Mark)

Berlin: "Bernd Koberling" (Haus am Waldsee bis 9. April; Katalog 15 Mark)