Die Leistungsgesellschaft frißt ihre Bürger. Doch die wollen es oft gar nicht anders. – Für diese fatalistisch anmutende These läßt sich sogar im Bereich der Freizeit mancher Beweis zusammentragen. Was dem Kaninchenzüchter die Plakette der Rammlerschau und dem organisierten Kleingärtner die Urkunde über die größte Gurke in der 80jährigen Vereinsgeschichte, ist dem Trimm-Trab-Anhänger seine immer wieder ehrgeizig erstrampelte Volkslaufmedaille. Wo sind die Hobbyisten, die das Erfolgserlebnis noch nicht zum Selbstzweck erhoben haben?

Eine befriedigende Antwort auf diese bange Frage erhält man beispielsweise von den eigenwilligen Freizeitgestaltern in der hessischen Kleinstadt Kelsterbach. Bei ihnen nimmt die Leistung keine Schlüsselposition ein. Sie propagieren vielmehr die kollektive Entspannung von der Jagd nach dem Lorbeer. Und das ist nicht etwa die Parole eines konfessionellen Erholungsheims oder das erste Gebot der neuesten Interessen-Gemeinschaft zur Erlangung des Seelenfriedens, sondern die Leitlinie eines bundesdeutschen Sportvereins. Freilich keines ganz gewöhnlichen, denn dafür erscheinen die grundsätzlichen Widersprüche denn doch als zu groß.

Der Freizeit-Sport-Club Kelsterbach ist schon eines der seltsamsten Deutschen in der bunten Vereinslandschaft des Deutschen Sportbundes. Er gehört dem Landessportbund Hessen an‚ liegt im? Umfeld von Frankfurt in einem industriellen Ballungszentrum und erfüllt auf den ersten Blick eigentlich alle Voraussetzungen für sportliche Höhenflüge. Doch gerade die werden abgelehnt. Sieg und Niederlage haben hier einen anderen Stellenwert als in den rund 47 000 übrigen DSB-Vereinen. Die 231 Mitglieder spielen Fußball, Volleyball, Basketball, Badminton und Tennis sozusagen "klassenlos", also nur zum eigenen Vergnügen und unabhängig von den Leistungsgruppierungen der Verbände, für 2,– DM Monatsbeitrag.

Der 15köpfige Vorstand orientiert sich an diesen Wünschen. Er strebt keine höheren Ziele an. Für die zwei Fußball-Sondermannschaften des Clubs mit den beziehungsreichen Namen "Keule" und"Amboß", so wird betont, besteht die Gefahr der Teilnahme an DFB-Punktspielen mit Sicherheit-nicht. Natürlich gibt es auch vorwiegend Jugendliche Mitglieder mit Leistungsambitionen, doch die gehören dann zusätzlich noch anderen Vereinen an. Beim FSC Kelsterbach heißt das unumstößliche Motto: Entspannung vom herkömmlichen Spielfeldstreß durch Sport eigener Machart.

Für eine Forschungsgruppe der Universität Marburg, die unter der Leitung von Professor Dr. Hans-Gerhard Sack im Auftrag der Deutschen Sportjugend die Fluktuation von Jugendlichen in Sportvereinen untersucht, war dieser Alternativclub ein interessantes Betätigungsfeld. Die wichtigsten Ergebnisse der "Fallstudie Kelsterbach" lassen in der Tat aufhorchen. So gibt es hier daraus weniger passive Mitglieder als durchschnittlich in anderen Gemeinschaften. Der Freizeit-Sport-Club zieht darüber hinaus breitere soziale Schichten an als sonst im organisierten Vereinssport üblich.

Professor Sack betrachtet den FSC Kelsterbach denn auch als Modell für bedürfnisgerecht angebotenen Freizeit- und Breitensport. Daß dieser Traum für Termin-Individualisten wirklich in einer Marktlücke angesiedelt ist,muß man im Hinblick auf die Ausweitung des kommerziellen Sportangebots zumindest vermuten.

Allzu große Hoffnungen auf seine Verbreitung im Vereins- und Verbandswesen könnten allerdings leicht enttäuscht werden. Willi Weyer, der Präsident des Deutschen Sportbundes, hat nämlich einmal den Satz geprägt, der mittlerweile die Bedeutung eines gesellschaftspolitischen Hirtenwortes erlangt hat: "Sport ohne Leistung ist Kappes", heißt sein Loblied auf Plaketten, Urkunden, Titel und Medaillen, das Trimm-Träumer bis auf weiteres zu Einzelkämpfern degradiert. Die Ausnahme Kelsterbach bestätigt diese Regel. Harald Pieper