Zweitfrisuren

Von Esther Knorr-Anders

Ohne Haare auf dem Kopf hat dieses Leben sehr viel weniger Lebensqualität. Das wußten bereits die Perückenbauer der alten Ägypter, Assyrer, Perser. Samson erfuhr es. Im 17. Jahrhundert handelten nach dieser Erkenntnis die Hoffriseure und Allonge-Locken-Tressierer, denn sie waren mit einem Jahresgehalt von sage und schreibe einer Viertelmillion Francs hohen Staatsbeamten gleichgestellt. Allerdings wurde bei diesen ‚Gewerblichen‘ außerordentlicher Diensteifer vorausgesetzt. Heutige Perückenkäufer, vor allem solche, die unter Haarausfall und Haarerkrankungen leiden, wissen ebenfalls: unstabiles Haar macht unsicher. Für sie erfand die haarverarbeitende Industrie das begütigende Wort ,Zweitfrisur‘. Dem Gesetz nach gehören Perücken zu den Gegenständen, "die dazu bestimmt sind, nicht nur vorübergehend mit dem menschlichen Körper in Berührung zu kommen, wie... Bettwäsche, Masken, Haarteile, künstliche Wimpern, Armbänder, Brillengestelle". Sie alle dürfen in ihrer stofflichen Zusammensetzung keine toxikologisch wirksamen Elemente enthalten.

"Die schönsten Perücken und Toupets, aus Naturhaar, handgeknüpft, deshalb auch die teuersten, tragen Kopfoperierte, Unfallgeschädigte und Künstler. Die scheußlichsten, aus Kunsthaar, mit unsauberer maschineller Tresse, werden von alten Leuten und einer speziellen Schicht unbedachter oder unbedarfter Käufer erworben. Das sind jene Perücken, die in Wühlkörben am Perückenstand der Kaufhäuser angeboten werden", erklärt mir die Friseurmeisterin Christine. "Gehen Sie mal an einen Stand und schauen Sie sich die Lockenpudel an. Reiben Sie das Haar. Sie wissen gleich, was ich meine."

Diesem Rat bin ich gefolgt. Ich streifte durch mehrere Warenhäuser. Ich ließ mir Zeit. Doch zuvor las ich in Christines zerfleddertem Buch, das sie mir mitgab. So ist dem ‚Friseurhandbuch für Schule und Beruf‘, herausgegeben von der Verlagsgemeinschaft der Berufserzieher, zu entnehmen, daß deutsches oder nordisches Schnitthaar außer Konkurrenz für beste Haararbeiten Verwendung findet. Deutsches Wirrhaar hingegen eignet sich lediglich für ‚gute Arbeiten und Zöpfe‘. Schlimmer wird es beim italienischen Haar; es kommt für ‚Theaterarbeiten und billige Zopfe‘ in Frage. Das von mir wegen seines metallischen Schimmers bewunderte Chinesenhaar fällt völlig aus dem Rang. Entfärbt und modisch eingefärbt, lassen sich nur "billige Straßen- und Puppenperücken‘ fertigen.

Büffelhaar (gelblich-weiß, grob, hart) sowie das Haar der Angoraziege (schneeweiß, seidenweich) wird, gemischt, für weiße Theaterperücken verarbeitet. Solche Perücken zieren den Rosenkavalier nebst Sophie und die vierzehn Engel beim Abendsegen.

Den Schluß bilden aus Glasfasern und Zellulose hergestellte Perücken. Zwar sind die ,wetterfest’, doch flüchtig tressiert wie Puppenschöpfe. Man kann sie, im Gegensatz zu Naturhaarperücken, die vom Fachmann gereinigt und wieder einfrisiert werden müssen, selbst waschen, kräftig ausschlackern und nach einiger Zeit ‚lockenkonstant‘ von der Wäscheleine holen.