Von Jochen Hieber

Über Anspruch und Leistung gegenwärtiger Lyrik wurde in den letzten Heften der "Akzente" debattiert, mit vorab politischen und mit leider meist recht sorglos verwendeten philosophischen Begriffen. Ein poetischer wurde dabei zu Grabe getragen, gemeinsam, so kontrovers auch ansonsten die Ansichten blieben: das lyrische Ich.

Entschieden hatte es bereits 1972 Walther Killy in seinen "Elementen der Lyrik" vor die Tür gesetzt, und heute muß man sich fast schon schämen, rutscht es einem beiläufig doch einmal heraus. "Diese lyrischen Ichs" – welch ein Plural! – nennt Jörg Drews die neuen Dichter an einer Stelle, aber er läßt keinen Zweifel, womit er die so Bezeichneten polemisch in Beziehung zu setzen gedenkt: mit der "alten" Innerlichkeit nämlich.

Ein wenig historisch verbrämter Etikettenschwindel ist hier sicher im Spiel. Immerhin, als stilistische Variante mag das lyrische Ich überleben, kann man doch nicht fortwährend nur vom Ich als Individuum, als Subjekt oder als sozialer Größe sprechen. Sprechen sollte man indes über ein durchaus sichtbares, trotzdem übersehenes Charakteristikum heutiger Lyrik. Ein Drittel (etwa) der in Theobaldys Anthologie "Und ich bewege mich doch" versammelten Gedichte vor und nach 1968 wendet sich, explizit, an ein personales Gegenüber. Versucht wird der Dialog mit einem realen oder vorgestellten, mit einem verlorenen oder ersehnten Du, wie wenn lyrische Rede eben jene behutsame Kommunikation wieder ermöglichen könnte, die von den Mechanismen politischen Sprechens ebenso bedroht wurde wie vom solipsistischen Rückzug aus enttäuschter Hoffnung. Die Wiederentdeckung des Personalpronomens der zweiten Person, das lyrische Du als Ausdruck nicht so sehr von neuer Innerlichkeit, sondern von scheuem Mut zur Entäußerung.

Vorzustellen ist der neue, wenn ich recht gezählt habe, sechste Gedichtband des derzeitigen Stadtschreibers von Bergen-Enkheim –

Peter Härtling: "Anreden – Gedichte aus den Jahren 1972–1977"; Luchterhand Verlag, Darmstadt, 1977; 64 S., 12,– DM.

Anreden: Das sind 44 Versuche, sich selber zu vergewissern im Dialog mit mit lyrischen Du in wechselnder Gestalt. Das sind mit zwei Ausnahmen – den beiden Selbstporträts von ’72 und ’77 – Spiegelungen des eigenen im Leben der anderen, Spiegelungen auch in Landschaften, Städten, in den Sträuchern des Gartens, in sehr privaten Allegorien und Traumbildern. Traum, Erinnerung, Schatten, Kälte, Frost, Winter, Schweigen – atmosphärische Chiffren, die wiederkehren in vielen der Gedichte, nicht immer ganz frei von jener sentimentalen Übereinkunft unter den Zarten im Lande, wie "Zartheit" zu beschreiben. Nicht immer auch haben die Verse Glück an ihren fragwürdigsten Stellen. Der Bildeinfall etwa (im Gedicht "Für Christa Reinig") "die wortlosen Botschaften" – "Kleckse" – "Tintenteiche, / an deren Ufern / Gedanken sitzen", wirkt sehr angestrengt, die lakonischen Huldigungen an die Metastars Marylin Monroe und Humphrey "Bogie" Bogart – der nirgendwo fehlen darf zur Zeit – bleiben fast bloße Geste, den Text ‚,An ein Taubenpaar" halte ich für Kitsch "sie rufen sich, / rufen, / und ihre Liebe/läßt mich wach sein / ohne Unmut."