Geschichten von Feen und Zwergen, von Hexen, Zauberern und verwunschenen Königstöchtern waren früher die erste Märchenspeise der Kinder, doch heute ist ein Erlkönig der noch geheime Prototyp eines Autos, und die letzten echten Feen der Kinderliteratur sind in den Erzählungen der Edith Nesbit aufgetaucht, und das ist achtzig Jahre her. Immerhin: England und Irland sind dieser literarischen Tradition treu geblieben, wobei man dort die Sagen und Märchen von heute nicht wie bei uns als Kunstmärchen bezeichnet, sondern als "Phantastische Geschichten".

Die Hobbit Presse des Klett Verlags, die seit 1975 die Phantastische Literatur in ebenso phantastischer Ausstattung anbietet, hat in diesen drei Jahren eine beachtliche Gemeinde gefunden. In diesem Frühjahr kommt nun hinzu:

Edward Plunkett Lord Dunsany: "Die Königstochter aus Elfenland", aus dem Englischen von Hans Wollschläger; Ernst Klett Verlag, Stuttgart; 284 S., 24,– DM.

Der 18. Baron von Dunsany (1878 bis 1957) wurde in Irland geboren, in Oxford erzogen, hat phantastische Schauspiele, Romane, Gedichte und Novellen geschrieben, war Soldat, Sportsmann und Gelehrter, hat Horaz übersetzt und Krimis verfaßt, was ihm den Ruf einbrachte, ein "Exzentriker zu sein, der es zum Klassiker brachte". Klassisch wurde vor allem seine Elfengeschichte, das heißt: Sie hat von seinen rund sechzig Romanen überlebt.

Es geschieht eigentlich nichts Neues: das Volk des Königs, dessen Reich an die Zwielichtgrenze zum Elfenland reicht, verlangt nach etwas mehr Zauber, und der König raubt die Tochter des Elfenkönigs und heiratet sie. Ein Sohn wird geboren, der Elfenkönig holt seine Tochter heim, der König irrt jahrelang durch die Ode und sucht nach dem verschwundenen Elfenland, bis in der Elfentochter wieder die Sehnsucht nach der Erdenwelt erwacht und der Elfenkönig sein letztes und geheimstes Zauberwort spricht, um alle zu vereinen. Das ist das altvertraute Schema von Trennung, Suche, Opfer und Erlösung, das sind die helfenden Zwerge und Hexen, ist die Unschuld der Unmenschlichen, der Gegensatz zwischen der zeitlosen Elfenwelt voller Einhörner und Träume und der Erdenwelt voll Arbeit und Alter und die Sehnsucht des einen nach dem anderen.

Aber man ist gefangen und entzückt, weil in dieser einen Geschichte alle Märchenhaftigkeit wie in einer Vision erfaßt ist. Der Leser kann die kunst- und prunkvolle Sprache genießen, fast vergessenen Wörtern nachgehen, wenn sich der Übersetzer auch manchmal vom Rausch zur Altertümlichkeit hat in die Falle locken lassen und von Runen, also von Schriftzeichen spricht, die man in Stäbe schnitt (und nicht auf Pergament schrieb), obgleich es um gesprochene Zauberworte geht. Oder wenn er ein Schwert aus Donnerkeilen schmieden läßt, die – wie Fossiliensucher wissen – versteinerte Teile von Belemniten oder einfach keilförmige Steine sind, aber nichts mit Eisen zu tun haben. Doch gerade an diesen Beispielen sieht man, daß die Königstochter den Leser nicht nur ins Elfenreich verführt, sondern in die Vergangenheit seiner Sprache, Sinnbilder und Bildung.

Alle Bücher aus der Hobbit Presse sind gewiß noch nichts für leseunkundige oder -ungewohnte Kinder. Aber wenn man ihnen beim Eintritt in diese phantastischen Gefilde hilft und wenn man ihnen zeigen möchte, was Literatur ist, so muß man ihnen auch diese Bücher schenken, Band für Band. Sybil Gräfin Schönfeldt