Seinen Bericht über Bayreuth – der trotz aller Kritik und mitten in ihr ein Bekenntnis zu Bayreuth ist – beginnt Peter Wapnewski, Germanist und Polyhistor, mit dem Satz: Eigentlich habe er gar nicht hinfahren wollen. Ein Wagnerianer wider Willen also, und das heißt: einer der Wagnerianer, auf die es ankommt. Man kann ihn zu denen zählen, die wie Thomas Mann, Bloch und Adorno ihre Nietzsche-Lektüre nicht vergessen, wenn sie sich durch Wagner hingerissen, überrumpelt und irritiert fühlen: zu den zweifelnd enthusiastischen Anhängern, auf die sich das moderne Bayreuth, das Bayreuth Wieland und Wolfgang Wagners, seit Jahrzehnten stützt (man werfe einen Blick in die Programmbücher der Festspiele) –

Peter Wapnewski: "Richard Wagner – Die Szene und ihr Meister"; Beck’sche Schwarze Reihe, Band 178, C. H. Beck Verlag, München, 1978; 150 S., 14,80 DM.

Wapnewski, Philologe und-Essayist dazu, kommentiert scharfsinnig und dennoch generös die "Wagner-Ereignisse" der letzten Jahre: Cosimas "Tagebücher" und Chéreaus "Ring"-Inszenierung. (Kann man sich eigentlich "Goethe-Ereignisse" vorstellen?) Der unglückliche Ludwig II. findet – das verrät bereits der Titel des ihm gewidmeten Aufsatzes: "Das Leben als Oper" – vor Wapnewski wenig Gnade. Und daß er von Wagner und dessen Werk streng genommen nichts verstand, daß er die Musik als Droge benutzte: wer wollte es leugnen? (Aus Cosimas "Tagebüchern" wissen wir inzwischen, wie drückend Wagner die monumentale Lüge empfand, deren: Dokument der Briefwechsel mit Ludwig II. ist.)

Das Kernstück von Wapnewskis Buch, ein Meisterstück in der Verschlingung von Philologie und Essayistik, aber bildet die große Abhandlung "Mittler des Mittelalters". Da ist von Gottfried von Straßburg und Wolfram von Eschenbach die Rede, von Hans Sachs und Goethe, von Thomas Mann und immer wieder von Wagner. Und das Gespinst aus "Tristan"-Rezeption und Vorgeschichte der "Meistersinger", aus hin und her laufenden Fäden zwischen Mittelalter, früher Neuzeit, Klassik und Moderne, wird vor den Augen des Lesers immer dichter, bis er schließlich, ganz in Lektüre versunken, einem "Beziehungszauber" erliegt, der dem von Thomas Mann an Wagners Musik gerühmten gar nicht so unähnlich ist. Carl Dahlhaus