Von Walter Jens

Diese Nacht habe ich mit Hülfe des harmlosen Calcium-Mittels, das wir durch Nikischs kennenlernten, überraschend gut und ausgiebig geschlafen. Ich habe, wie all diese Tage, im Bett gefrühstückt und dann einige Zeilen, eilig, an Suhrkamp geschrieben, die Streichung betreffend einer censurwidrigen Phrase im Wagner-Essay über den Nationalsozialismus. Wozu in diesem Augenblick die Tiere reizen?" So durch und durch "literarisch", so elegant in der syntaktischen Fügung, so stilistisch raffiniert, dank der Wortstellung und Interpunktion an die Grenze des Manierismus getrieben, beginnt, am 15. März 1933 niedergeschrieben, das Tagebuch-Œuvre Thomas Manns, beginnen jene Notizen, die mit der Vertreibung aus Deutschland einsetzen und im Todesjahr enden –

Thomas Mann: "Tagebücher 1933–1934", herausgegeben von Peter de Mendelssohn; S. Fischer Verlag, Frankfurt, 1978; 818 S., 58,– DM.

Der Tonfall der ersten Sätze zeigt an: Hier wird, künftigen Lesern gegenüber, Zeugnis abgelegt; hier geraten Adressaten ins Blickfeld, denen in der Form pedantischer Beiläufigkeit (einer Art von Aufmerken heischendem Parlando) etwas mitgeteilt werden soll, das ihnen Aufschluß über den Schreibenden gibt – und zwar verbindlich.

"Das harmlose Calcium-Mittelchen, das wir durch Nikischs kennenlernten": Die Art der Mitteilung beweist, daß hier einer – weit davon entfernt, ein intimes Seelenjournal zu schreiben – sich der Öffentlichkeit mitteilen möchte: Der Relativsatz (absurd in einem nicht zur Publikation bestimmten Journal) verrät die Intention seines Autors: Was hier steht, ist dazu bestimmt, gelesen zu werden ... und zwar nicht zu spät. (Beinahe rührend mutet es an, daß Thomas Mann die selbst gesetzte Frist, "fünfundzwanzig Jahre nach meinem Tod zu öffnen", um ein Jahrfünft verminderte: Wünschte er, daß möglichst viele seiner nächsten Freunde und Verwandten das Erscheinen des Journals, als einen Akt bedeutungsvoller Reanimation, noch erlebten?)

Warum dann aber, wenn das so ist, die Vernichtung der alten Tagebücher (mit Ausnahme der Eintragungen 1918 – 1921) in Pacific Palisades, Mai 1945; weshalb das Autodafé – die Zeugnisse vierzigjähriger Gewissensforschung in einen Müllverbrennungsofen geworfen! –, warum die Zäsur im März 1933, einem Datum, von dem an alles preisgegeben werden durfte, was bis dahin verhüllt bleiben sollte?

Figur im Zwielicht