Die Abenteuer der "Höhlenkinder" haben mehr als einer Kindergeneration Spaß gemacht, und es hat sich gewiß mancher gewundert, daß es nach 1945 zwar Dinosaurier zuhauf gegeben hat, nicht aber Geschichten aus der prähistorischen Vergangenheit des Menschen. Man kann darüber spekulieren, ob den Autoren der Nachkriegszeit die Lust vergangen war, die gerade überwundene Primitivität des Überlebens in der Literatur erneut zu errichten, oder ob der penetrante Germanenkult der Nazis den Weg in die allererste Frühe unserer Zeit versperrt hat. Jedenfalls ist das Buch von

Arnulf Zitelmann: "Kleiner-Weg"; Beltz Verlag, Weinheim/Basel; 199 S., 15,80 DM

das erste deutsche, welches von einem Damals erzählt, das hunderttausend Jahre oder noch weiter zurückliegt, von einem Leben ohne Feuer, ohne Haus, ohne Schrift, ohne Geschichte, einzig von der Natur bestimmt, und Zitelmann betont im kurzen, aber wichtigen Nachwort, daß "die Menschen den weitaus größten Teil ihrer Geschichte" so gelebt haben.

So, wie der Titelheld lebt, ein Junge namens Kleiner-Weg, der die Zeit an der Länge der Schatten mißt, der sich Fauststeine schlägt, der im heutigen ostafrikanischen Seengebiet geboren wird und seinen Klan bei einem Vulkanausbruch durch einen Brand verliert, den er selber durch einen Zufall überlebt.

Inmitten der Asche und der Trümmer findet er einen ebenfalls verwaisten jungen Hund und zähmt in seiner Einsamkeit dieses Tier, das eigentlich sein Feind ist. Er jagt mit ihm und stößt schließlich auf einen einsamen alten Mann. Er gesellt sich zu ihm, aber der Alte will ihn dazu bringen, den Hund zu opfern, um den Geiergott zu versöhnen, denn Kleiner-Weg hat die tote Mutter unter Steinen vergraben, statt sie den Geiern zur Beute zu lassen, wie es unter den Geierleuten Sitte ist. Kleiner-Weg weigert sich jedoch, kämpft statt dessen mit dem größten Geier und besiegt ihn, ohne dadurch Erlösung zu finden oder den Haß des Alten zu stillen. So verläßt er ihn, sucht nach anderen Menschen, stößt auf einen großen Volksstamm am See, wird von ihm zwar nicht aufgenommen, weil man ihn zu fremd, – wir würden sagen: zu fortschrittlich findet, lernt aber dort ein Mädchen kennen, das mit ihm zieht: Zwei, die etwas Neues gründen wollen.

Das sind Bilder, die man behält: das einsame Grasland, die Schlafnester im Baum, das Flackerfeuer, das Kleiner-Weg zufällig entfacht, der Kampf mit dem Leoparden, der sonderbare Alte, geheimnisvoll und böse, ehe es ein Wort dafür gibt. Was sie zu Bildern aus der Frühzeit der Menschen macht, ergibt sich mit Selbstverständlichkeit: die innige Verbindung mit der Natur, zugleich aber die wie unbewußte Auseinandersetzung mit dem Transzendentalen, mit Verstand und Magie, mit dem Gesetz der Gruppe und eigenen und fremden Gefühlen. An den Überlegungen und Handlungen von Kleiner-Weg wird exemplifiziert, was jahrtausendelang Fortschritt bedeutete und welche Rolle den Alten und den Jungen zufiel. Sybil Gräfin Schönfeldt