Die immer noch merkwürdige Geschichte des Zionismus-Führers

Von Harald Steffahn

Herzl hat Glück. Binnen drei Jahren ist er zum zweitenmal angemessen gewürdigt worden. Zwar erscheint es beinahe schwierig, den geballten Lebensstoff biographisch zu mißhandeln. Aber die Ergiebigkeit des Sujets hindert nicht, gelungene Versuche dankbar anzuzeigen. Nach Amos Elon, "Morgen in Jerusalem", 1975 bei Molden erschienen, liegt nun vor

Ernst Pinchas Blumenthal: "Diener am Licht. Eine Biographie Theodor Herzls"; Europäische Verlagsanstalt, Frankfurt 1977, 325 S., 34,– DM.

Auf den ersten Blick scheint dieser Autor hinter dem anderen zurückzubleiben wie ein Hundertmeterläufer beim Spätstart hinter der Konkurrenz. Elon kam gleich in Fahrt. Der israelische Journalist griff sich den ersten Höhepunkt, den Dreyfus-Skandal, für den Einstieg heraus und blendete von dort auf den Lebensgang zurück. Sein Landsmann Blumenthal beginnt langweilig und konventionell mit der Familien-Genesis. Auch äußerlich kann sich der eine mit dein anderen nicht messen: Diesmal broschierte Kargheit ohne Bildteil, ohne Literaturverzeichnis und selbst ohne Register – schier unverzeihlich bei einer Biographie;

Heilung durch die Politik

Inhaltlich aber holt das optisch schwache Nachfolgewerk dann überraschend auf. Die innere Entwicklung Herzls kommt in dieser Darstellung und ihrem weiten geistesgeschichtlichen Einzugsbereich noch beweiskräftiger, präziser heraus. Herzls Mißerfolg auf der Bühne beispielsweise wird mit knappen Begründungen evident: "Sodann ist er in seinem Geschmack um mehr als ein Jahrzehnt hinter der Zeit zurückgeblieben – ein Grund auch für sein eigenes Versagen auf dramatischem Gebiet. Die Zeit der harmlos kritischen Gesellschaftsstücke ist an sich vorbei, der Realismus, mit dem sich der romantisch-idealistische Herzl nie befreunden konnte, und dem er verständnislos gegenübersteht, beherrschte das Theater völlig." Entscheidender aber: "Die Literatur, für die er sich so früh entschied, konnte... nicht ausreichen, weil er seiner ureigensten Veranlagung nach kein Künstler, sondern ein Tatmensch war."