Von Karl-Heinz Janßen

In den Schafgärten, so heißt der (längst asphaltierte) Weg noch heute. Gleich hinter dem Eschbach, eingerahmt von frischem Grün und blühenden Forsythien, liegt das Bürgerhaus, wohin sich das III. Internationale Russell-Tribunal zurückgezogen, ja eigentlich geflüchtet hatte. Da sie die Stör- oder Überrumpelungsaktionen unberechenbarer Spontis und radikaler Anti-Folter-Komitees fürchteten, begaben sich die Veranstalter jeden Tag aus ihrem Hotel in der Frankfurter City bis an den äußersten Stadtrand, nach Harheim, ein Dorf mit 4000 Seelen, wo es noch Gasthäuser "mit selbstgek. Apfelwein und eigener Schlachtung" gibt und das durch seine Schützenfeste berühmt geworden ist.

Vor siebentausend Jahren hausten dort schon die Bandkeramiker, später schlug die 22. römische Legion ihr Lager auf; Kaiser Ludwig der Fromme besaß Güter in der Gegend. Auf solch historischem Boden also und in ländlicher Abgeschiedenheit wollte das von vielen so angefeindete (und hier und da auch gefürchtete) Forum in aller Ruhe untersuchen, ob durch den Radikalen-Beschluß im öffentlichen Dienst der Bundesrepublik Menschenrechte verletzt werden.

Doch alle Vorsicht nützte nichts. Den jungen Freunden der RAF, der Rote-Armee-Fraktion, ist doch noch etwas eingefallen, was dem Tribunal die Schlagzeilen stahl und die Jury in Terroristengeruch brachte, dem sie sich schon entkommen wähnte. Eine kleine Gruppe, die sich selber als Russell-Initiative ausgab, Angehörige gefangener Terroristen darunter, besetzten die evangelische Friedenskirche und wollten das Tribunal erpressen, auf die Forderungen der im Hungerstreik befindlichen Gefangenen einzugehen. Mochte sich der Berliner Professor Wolf Dieter Narr, Sprecher des deutschen Beirats, noch so heftig distanzieren, der Publizist Erich Kuby, der für einen Moment seine Aufgabe als Referent mit der eines Vorsitzenden verwechselte, mochte mit schneidiger Stimme die Transparent-Wedler des Saales verweisen – die unerwünschten RAF-Parolen kamen doch noch ins Protokoll: Als der ehemalige Stammheim-Anwalt Rupert von Plottnitz mit zwei "Zeugen" die Bühne betrat, nutzte der eine blitzschnell die Gelegenheit zu einem flammenden Appell an die Jury ("Wird die Isolationshaft nicht abgeschafft, müssen wir davon ausgehen, daß in den nächsten Wochen Gefangene sterben"), während der andere seine Aussage mit der wirkungsvollen Sequenz beendete: "Der Faschismus in der Bundesrepublik ist personell und strukturell nicht überwunden." Das junge, vorwiegend studentische Publikum klatschte und trampelte. Und siehe da, einen Tag später fanden sich einige nichtgenannte Mitglieder der Jury dazu bereit, die hungernden Gefangenen in den Strafanstalten zu besuchen – "privat".

Woge von Mißtrauen

Dennoch ginge es zu weit, dem Tribunal vorzuwerfen, es habe sich für die Zwecke der RAF manipulieren lassen. Die meisten der Jury-Mitglieder, zumal der deutsche Beirat, bemühten sich, ihrem hohen Anspruch gerecht zu werden (Narr: "Wir sind ein gutes, seriöses, zuverlässiges Gremium"); ihn einzulösen, war freilich, gegen eine Woge von Mißtrauen und Verleumdung, allzu schwer. Die Gründe für dieses Ungenügen muß man in der Geschichte des Russell-Tribunals und in der Vorgeschichte der Harheimer Inszenierung ebenso suchen wie in der Zerrissenheit der Neuen Linken.